Kultur | 17.07.2006

“Die Qualität dieses Festes ist einzigartig”

Text von Janosch Szabo
29 Jahre Pod'Ring in Biel: Früher gabs Stummfilmnächte und Mineralwasser. Heute gibts Konzerte bis tief in die Nacht und eine Drink-Bar. Der Charme des Festivals ist geblieben und hinter den Kulissen wird, wie eh und je, viel ehrenamtliche Arbeit geleistet. Tink.ch traf drei Mitglieder des Organisations-Kollektivs und einen Ehemaligen.
Hans-Ruedi Käser: "Wir können ein Kulturprogramm ohne kommerzielle Zwänge präsentieren." Thomas Drengwitz: "Programmmässig war alles viel viel kleiner als heute." Anita Wälti: "Uns ist es ein Anliegen, dass sich die Leute nicht besaufen." Sophie Hofer: "15 Franken kann jeder zahlen."

Thomas Drengwitz, 42, ist schon seit 20 Jahren aktiv am Pod’Ring mit dabei. Letztes Jahr trat er aus dem Organisationskollektiv aus, doch kleine Arbeiten erledigt er noch immer und von früheren Zeiten weiss er viel zu erzählen: “Der Pod’Ring war ein Podium im Ring, direkt vor der Kirche, wo verschiedene Musiker auftraten. Programmmässig war alles viel viel kleiner als heute. Am Nachmittag haben wir ein paar Flaschen Mineralwasser gekauft, die wir am Abend verkauft haben.” Alkohol gab es damals noch keinen, zumindest die ersten 10 Jahren nicht. Doch Thomas erinnert sich: “Dann gab es die Sangrianächte am Freitag und Samstag und irgenwann fiel das Alkoholtabu ganz.” Doch der Verkauf alkoholischer Getränke wurde intern behalten, “damit man reagieren kann”, wie Thomas sagt. Auch die beiden jungen Frauen, Anita Wälti, 24, und Sophie Hofer, 23, die seit drei beziehungsweise zwei Jahren für die Drink-Bar zuständig sind, wollen betont haben: “Uns ist es ein Anliegen, dass sich die Leute nicht besaufen.” Dafür sorgten angemessene Preise und eine schöne Präsentation der Getränke, wie sie sagen. 

Mucksmäuschen stille Kinonächte

Doch zurück in die Vergangenheit. Da gab es zum Beispiel Kinonächte ohne Ton. Thomas Drengwitz weiss natürlich warum: “Ab halb ein Uhr nachts musste Ruhe sein in der Altstadt. Wir zeigten trotzdem bis morgens um zwei Uhr Filme. Der Ton kam via Canal 3 und im Ring sassen die Leute mit Kopfhörern, die sie für ein paar Franken mieten konnten. Das war immer eine sehr spezielle Atmosphäre, während den Filmvorführungen war es mucksmäuschen still im Ring.” Irgendwann bekamen dann die Organisatoren die Bewilligung Filme mit Ton auch noch zu später Stunde zu zeigen. Als aber vor etwa sechs Jahren die Openairkinos aufkamen, hatte die Stunde der Filmabende am Pod’Ring geschlagen. Das Bedürfnis wurde anderweitig abgedeckt.

Vor allem im Musikbereich war der Pod’Ring jedoch längst gewachsen und an Stelle des kleinen Podiums stand bald einmal eine grosse Bühne vor der Altstadtkirche.

Programmation: “Jedes Jahr eine Geburt”

Trotz des stetigen Wachstums ist der Geist der Kulturwoche geblieben. “Der Pod’Ring ist ein Begegnungsfest am Anfang vom Sommer” sagt Hans-Ruedi

Käser. Der 53-Jährige ist Koordinator des Ganzen, sozusagen der Kopf des Organisations-Kollektivs. Er erklärt, was sich verändert hat, seit er 1993 das Sekretariat übernommen hat: “Vor 13 Jahren wurde der Pod’Ring noch von 30 Leuten getragen. Heute ist das Kollektiv kleiner, aber die einzelnen Ressorts arbeiten selbstständiger.” Zum Beispiel die Programmgruppe, die jeweils die ganze Vielfalt der Kulturwoche hervorzaubert. “Es ist jedes Jahr wieder eine Geburt”, weiss Hans-Ruedi Käser: “Wir fangen im September an, die ersten Bands zu kontaktieren. Dann kommen natürlich auch Bewerbungen rein. Schliesslich stellen wir ein Raster auf und schauen, was zusammenpasst. Die Programmation ist eine relativ komplexe Sache und da wir keine hohen Gagen auszahlen können müssen wir und die Bands auch immer Kompromisse eingehen.” Und dann sagt er noch: “Wir können ein Kulturprogramm ohne kommerzielle Zwänge präsentieren und sind nicht darauf angewiesen Headliner zu programmieren.” So ist auch stets Platz für Neues, für eine Blasbalg-Serie im Théâtre de Poche zum Beispiel, oder eine Jamsession von Jugendlichen. “Das ist unsere neuste Errungenschaft, dass die Jugendlichen, die früher als Kinder im Sandkasten spielten, nun auf der Bühne stehen”, freut sich Käser. Die Programmgruppe geht mit dem Zeitgeist mit, Kollektiv-Mitglieder bringen neue Ideen ein und das Spektrum entwickelt sich.

“Der Pod’Ring gehört zur Altstadt”

Die Mitglieder des Kollektivs leisten grossartige Arbeit und das praktisch unentgeltlich. Nur während des Festivals erhalten sie 80 Franken Entschädigung plus ein Nachtessen pro Tag. Weitere 70 Helfer erhalten 40 Franken täglich. Das Ganze bewegt sich also eher auf einer symbolischen Ebene.

Die Motivation ist dennoch bei allen riesig. Warum? “Die Qualität dieses Festes ist einzigartig, die Stimmung, die Leute, das Kollektiv. Der Pod’Ring gehört zur Altstadt”, sagt zum Beispiel Sophie und Anita ergänzt: “Es ist einfach ein schönes Fest, etwas Spezielles, das sich von den übrigen Festen, wie der Braderie, abhebt. Es gibt für jeden etwas, für Klein und Gross.” “Ja”, sagt Sophie “es entsteht eine Durchmischung und dadurch eine andere Stimmung.”  

Und noch etwas macht den Pod’Ring einzigartig. Er findet auf einem öffentlichen Platz statt und man zahlt eigentlich nichts. Der Kauf des Pod’Ring-Badges ist freiwillig. Trotzdem: “Jeder der Freude hat am Programm sollte sich eigentlich für jeden Tag einen Badge kaufen. Es gibt auch wirklich Leute die das tun. Andere ignorieren, dass die Künstler, die auftreten, arbeiten. Es ist ein Zeichen des Respekt gegenüber ihnen, einen Badge zu kaufen.”, sagt Hans-Ruedi. Und auch Sophie findet: “15 Franken kann jeder zahlen.”

Dieses Jahr ist die Sache mit dem Badgeverkauf jedenfalls einmal mehr super aufgegangen.  

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