Kultur | 06.07.2006

Blauäugig

Hiphop aus Bern ist nichts Neues. Musiker, die nicht zwanghaft versuchen irgendwelchen branchenüblichen Klischees gerecht zu werden, hingegen schon.

Die Mundartisten haben mehr drauf als irgendwelche Hasstiraden gegen unglaublich böse Motherfuckers herunterzuleiern. Wirklich wahr: Die Jungs rappen über Emanzipation – mehr Respekt für die Girls im Showbusiness wird gefordert.

Die armen Hampelfrauen liefen heutzutage herum wie Prostituierte. Die Berner beobachten: Den Männern ergeht es ähnlich. Auch sie müssen sich immer mehr gegen ein aufgezwungen Schönheits-, Mode-, Lifestylediktat wehren. Die amerikanischen Vorbilder scheinen auf manchen Zeitgenossen starken Einfluss zu üben – Brillianten in männlichen Ohren haben keinen Seltenheitswert. Der einstige Underground-Lifestyle, der immer schwärmerisch als Old School betitelt wird, rutscht durch die verschwenderische, übersatte Konsumgesellschaft schon seit langem Richtung Mainstream, Kommerz und Einheitsbrei. Böse Wirtschaft, blauäugige Gesellschaft, traurige Welt.

Blauäugig tauften die Mundartisten ihr Album, wirken selbst aber alles andere als naiv. Kritisch beobachten sie ihre Mitmenschen, durchleuchten ihren Alltag, beschreiben, was sie beschäftigt. Manchmal hat man allerdings das Gefühl, die Mitteilungsbedürftigen kratzten nur an der Oberfläche eines Themas, welches sie beschäftigt – gehen ihm nicht ganz auf den Grund, kommen nicht wirklich zum Punkt. Allerdings: Bei den Mundartisten macht auch das Zuhören beim Reden um den heissen Brei Spass.

Die meisten Songs sind komplexer aufgebaut als das durchschnittliche Scratch-Bass-Scratch-Langweil-Gedudel, das einem manche Hiphop-Buben heutzutage zumuten wollen. Nicht selten flechten die Künstler ungewohnt melodiöse Übergänge ein. Auch für englische Zitate, die ganz nach Originalaufnahmen aus den 70er Jahren klingen, finden die Kenner immer wieder ein passendes Plätzchen. Die Musikanten überzeugen mit Schlagzeug, Keyboard, Gitarre und viel Bass.

Wer Hiphop und Rap mag, und ihn nicht automatisch mit breiten Hosen und einem ins himmelhohe übersteigerten Ego verbindet, wird an dieser CD sicherlich seine Freude haben.

Den Anblick von Kühen, Gras und Mundartisten kann man am 7. Juli 2006 am Openair Out in the Kraut in Schangnau geniessen.

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