Kultur | 16.07.2006

Australien hautnah

Text von Katharina Kneip
Für drei Tage hat sich die Froburg in Wiedlisbach in ein australisches Provinzstädtchen verwandelt. Zum vierten Mal bot das Swizzeridoo Konzerte von Didgeridoo-Spielern aus der ganzen Welt, Workshops, einen grossen Markt und eine tolle Atmosphäre.
Mr. Stein erzählt die Geschichte vom Regengott. Fotos: Carol Frischi Verkäufer Jakanajaju mit Carol Frische (links) und Katharina Kn eip (rechts) Lies Beijerinck mit ihrer holländischen Band 3ple-D während des Konzerts und danach im Interview Didgeridoos in allen Formen und Farben Michiel Teijgeler, ebenfalls von 3ple-D

Schon von weit her hört man das tiefe Brummen der Didgeridoos in der Froburg. Farbenfrohe Marktstände, asiatisches Essen, Düfte und die wunderbaren Töne verwöhnen alle Sinne. Die Didgeridoo- und Australien-Fans reisen an von Frankreich, Italien, Deutschland sowie von fernen Ländern, unter anderem auch von Australien. Die Verkäufer an den Marktständen sind auch unterschiedlicher Herkunft: Leute aus Marokko, Ecuador und asiatischen Ländern. Der Liebling war Jakanajaju Uthman. Der aus Niger stammende sechzigjährige Appenzeller hat uns immer wieder mit seiner liebenswürdigen Grosszügigkeit in den Pausen unterhalten.

Mehr als nur ein Brummen

Wenn man in den Konzertsaal eintritt und plötzlich in diesem dunklen Raum steht, der gefüllt ist von am Boden sitzenden, barfüssigen Menschen und den Klängen eines oder mehrerer Didgeridoos, oft begleitet von Trommeln, fühlt man die spezielle Atmosphäre intensiv. Es ist nicht bloss ein angenehmes Brummen, das die langen, meist hölzernen Instrumente von sich geben. Es sind vielmehr tief rhythmisch klingende Vibrationen, die nicht nur über das Gehör sondern mit  dem ganzen Körper wahrgenommen werden.

Die Atmosphäre in diesem Raum ist einfach aussergewöhnlich. Jeder fühlt sich als Mensch, fühlt sich nahe zu seinem Selbst, zu seinem Mittelpunkt. Die Musik der Didgeridoos stammt bekanntlich von den Aborigines aus Australien und ist sehr erd- und menschenverbunden. Viele Leute im Saal stehen auf und fangen an, sich zu den Tönen der Didges zu bewegen und zu tanzen.  

Von Digderidoo-Göttern bis hin zu blutigen Anfängern

Die Organisatoren des Swizzeridoo 2006 hatten sich sehr viel Mühe gegeben beim Gestalten des Programms für das Festival. Sie luden viele nationale sowie internationale Künstlerinnen und Künstler ein, organisierten einen grossen, vielfältigen Markt und richteten sogar Workshops ein.

Die beiden Deutschen Markus Meurer und Stephan Braun leiteten das Festival ein. Anschliessend  gibt Salil Kanika aus Nepal  ein Didge-Solo. Eine ganze Stunde lang. Als nächstes tritt nun der erste Schweizer Didgeridoo-Spieler auf: Denra Dürr. Er spielt jedoch nicht einfach Lieder, sondern Geschichten. Jedes seiner Lieder erzählt eine Geschichte, wie zum Beispiel die des Diebes oder die von Milch und Curry. Dies gibt uns die Möglichkeit, uns auf dem Boden hinzuliegen, die Augen zu schliessen und die Geschichten vor unserem inneren Auge vorzustellen.

Um 21 Uhr gibt es eine Pause und wir stehen, noch ganz in den Geschichten Dürrs versunken, auf und gehen nach draussen zum Markt. Eine halbe Stunde später stehen wir wieder im Saal, denn nun spielen 3ple-D aus Holland. Was wir hier geboten bekommen, ist wirklich beeindruckend. Lies Beÿerinck beweist ihr Können auch noch in einem Solo. Ihre erstaunenswerte Performance stösst beim Publikum auf pure Bewunderung. Das Faszinierende, wenn man diese Frau auf der Bühne sieht, ist, dass man sofort das Gefühl hat, sie lebt in dieser Musik; man sieht richtig, wie die Klänge des Didges durch ihren Körper fliessen.

Hinter ihrem Können, das sie sich während 13 Jahren angeeignet hat, steckt natürlich auch eine Menge Talent. Die Band, wie Lies uns später in einem Interview preisgibt, besteht seit vier Jahren. Nach dem Swizzeridoo werden sie noch viele Orte in ganz Europa besuchen, unter anderem in Portugal, Frankreich, England, Italien und Deutschland.

Der letzte Auftritt des Abends gehört dem deutsch-englischen Duett Stein und Turnbull. Stein, der Didgeridoo-Spieler, der durch halbdurchsichtige, womöglich gläserne Didges bläst, ist ganz in Weiss gekleidet und hat einen weissen Strich übers Gesicht gemalt. Das Spannende an diesem Auftritt ist die Geschichte, die hinter den Liedern steckt. Der Stein erzählt von einem Regengott, der selber nicht wusste, dass er ein solcher ist. Als er bemerkte, dass es immer regnete, wenn er etwas Bestimmtes tat, fing er an den Regen durchzunummerieren. Stein erzählt weiter, dass er selber, nachdem er diese Geschichte hörte, anfing, darauf zu achten, dass es jedes Mal, wenn er Didgeridoo spielte, regnete. Und so fing er auch an, den Regen zu nummerieren. Und tatsächlich regnet es draussen seit einigen Minuten. Bei jedem Lied, das beispeielsweise «Regen Nummer 16« oder «Regen Nummer 177« heisst, beschreibt er den spezifischen Regen zusätzlich. Für die, die immer noch nicht genug haben, gibt es jetzt noch eine Jam-Session im Partyzelt.

Am Samstag findet um 14 Uhr die Talentbühne statt. Dafür konnte man sich im Voraus anmelden, wenn man sich gerne selber einmal am Didgeridoo vor einem Publikum üben wollte. Hier haben sogar auch blutige Anfänger die Möglichkeit, sich vor Zuschauern mit dem Didge zu versuchen. Es wird überhaupt nicht schlecht gespielt, nur eine kleine Panne ergibt sich, als Andreas Hofer seinen Auftritt verpasst und alles etwas verschoben werden muss. Aber im Grossen und Ganzen ist es eine tolle Idee und den Versuch allemal wert. Danachwird dann der Film “Aquatones” gespielt.

Am Sonntag, dem letzten Festivaltag, führt Andrea Ferroni aus Italien ein Didge-Solo auf, später spielt der Australier Mark Atkins noch Indigenous Didgeridoo. Als Letzte treten noch der Schweizer Roman Buss und der Belgier Sven Quartier auf.

Ein farbenfrohes, multikulturelles und einfach unvergleichbares Festival geht nun zu Ende. Jetzt gehen wir wieder nach Hause zurück in den Alltag, aber mit einem kleinen Etwas mehr, um ein kleines Etwas reicher. Und mit diesem kleinen Etwas ist das gemeint, was wir in diesen drei Tagen an Weltoffenheit und an kulturellem Interesse dazu gelernt haben, wie wir durch die Musik, die Menschen und die Atmosphäre ein wenig näher zu uns selbst gefunden haben, und die Erinnerung an das tiefe Brummen der Didgeridoos.

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