Kultur | 03.07.2006

Auf der anderen Seite der Anden

Alexander Wyssling, Tink-Reporter aus Zürich, erlebt derzeit aufregende Wochen in Perus Hauptstadt Lima. In einer mehrteiligen Serie publiziert Tink.ch seine Berichte und eindrücklichen Bilder. Hier Teil 4.
Ein Bauer baut 320 verschiedene Kartoffel- und Süsskartoffelsorten auf seinen Feldern an. Atemberaubender Rundblick auf 5000 Metern. Felder im Tal von Huancayo nach der Ernte. Schmelzanlage in La Oroya. Vergiftet: Rund um die Schmelzanlage gibt es kein Gras oder Bäume an den Berghängen. Ablagerungen der Minen am Rand der Seen. Der Schein trügt: Die Seen sind stahlblau, im wahrsten Sinne des Wortes. Lamas, die "Tussis" unter den Tieren. "Concurso de Bioversidad": Verscheidene Sorten von Mais werden ausgestellt. Typische Kleidung der Frauen in den Anden.

Wenn man in Lima ist, denkt man, man sei in Peru. Ist man auch geographisch gesehen, aber, dass Spanisch gar nicht die Sprache der eigentlichen Peruaner ist, und dass die Peruaner ganz anders aussehen, merkt man erst, wenn man dort hingeht wo die Peruaner leben. Zum Beispiel in ein kleines Bauerndorf in den Anden.  

Im Morgengrauen fahren wir los, zu fünft in einem kleinen SUV, einem Jeep, was eigentlich in der Stadt nicht nötig ist, sich später aber auf 4000 Metern als nützlich erweist. Über die Panamericana nach Norden und dann Richtung Osten in die Anden: Die Strasse geht steil hinauf auf einen Pass durch wunderschöne Landschaften auf eine Hochebene. In weniger als drei Stunden ist man von Meereshöhe auf 4700 Metern über dem Meer.  

Viel Blei im Blut

Im Vorbeifahren sehe ich schwarze Seen, verdreckt von den Bergminen. Kahle Bergspitzen ragen in den Himmel, wie Zeugen einer mittleren Katastrophe. Eine US-amerikanische Bleifabrik lässt in diesem Tal ihre hochgiftige, bleihaltige Abluft ungefiltert in den Himmel. Der Bleigehalt im Blut der Arbeiter, deren Frauen, Kinder und allen Bewohnern des Tals übersteigt den Normalwert um 20 Prozent. Viele sind sehr klein und sterben früh. Wegziehen wollen sie nicht. Im Gegenteil, es kommen immer mehr dazu, weil es ein bisschen Arbeit gibt in einer Fabrik, die behauptet kein Geld zu haben um Abluftfilter zu installieren, hintenrum aber Millionen in die USA verschiebt, damit es aussieht, als ob sie kein Geld hätten. OXFAM (eine Organisation wie Amnesty International) unterstützt eine kleine NGO, welche die Menschen aufzuklären versucht. Jedoch erfolglos, niemand hört zu. Mit genug Schmiergeld, vielen Lügen und dem Druck der Arbeitslosigkeit sind alle auf der Seite der Fabrik.  

Rauf und runter, Kurve um Kurve

Wir fahren weiter nach Huancayo, eine nicht allzu schöne Stadt in einer unglaublich schönen Hochebene. Über eine moderne Schnellstrasse fahren wir auf der anderen Seite der Hochebene wieder tausende von Metern ins Tal runter. Unten sieht es aus wie im Urwald. Es gibt einen grossen grünen Fluss und Schlingpflanzen. In einem kleinen Dorf ganz unten in einer riesigen Schlucht gibt es eine Eisenbahnlinie. Die Bewohner nennen den Zug, der dort fährt, «el tren macho« (der Macho Zug), weil er abfährt wann er will und kommt, wann er kann. Wir kaufen nochmals Brot und Wasser und biegen auf eine Schotterstrasse ab, welche uns für die nächsten 4 Stunden «rocken« wird. Ganz unten in der Schlucht angekommen fahren wir über eine Holzbrücke und auf der anderen Seite des Tals wieder einige tausend Meter hoch. Es ist nicht, wie wenn man in der Schweiz einen Ausflug in die Berge macht. Die Distanzen und Höhenunterschiede sind nicht vergleichbar. Wenn man ganz runter in ein Tal und wieder hinauf auf den nächsten Pass fährt, handelt es sich jeweils um 3 bis 4 Stunden und 2000 – 4000 Höhenmeter.  

Kurve um Kurve fahren wir mit maximal 40 Stundenkilometern auf dem einspurigen Strässchen hinauf. Es ist schon lange dunkel. Kein Mensch und kein Licht sind zu sehen, nur die Umrisse der unendlichen Berge und Schluchten im blassen Mondlicht. Erst auf der Rückfahrt sehe ich, dass es rechts ca. 1500 Meter senkrecht, wie über Klippen, runter geht. Leitplanken gibt es natürlich nicht.  

Stockbetrunkene im Stockdunkeln

Wie ich später erfuhr, waren wir fünf Minuten von unserem Ziel entfernt: Wir kommen um eine Kurve geschleudert und wollen Vollgas weiter fahren, als plötzliche eine Gruppe sturzbetrunkener Ackerbauern mit schwerem Eisenwerkzeug im Scheinwerferlicht erstarrt und auf unserer Motorhaube landet. Maria erschrickt sichtlich: «Security locks!!« «Lights off!!«, schreit sie durchs Auto. Ich weiss nicht was los ist und sehe wie erstarrt auf die beeindruckend schweren eisernen Werkzeuge, mit denen die Ackerbauern gegen das Auto und die Scheiben prügeln. Wir haben zwar «llamas seguros«, eine spezielle Beschichtung der Scheiben, welche das Einschlagen verhindern sollte, aber nun bin ich mir deren Abwehrwirkung nicht mehr so sicher. Die Strasse ist schmal, wir können weder vorwärts noch rückwärts, zur Linken geht es hoch, zur Rechten steil runter, hinter uns ist es stockdunkel und vor uns steht ein stockbetrunkener Bauer, den wir als Opfer unserer Flucht (überfahren) in Kauf hätten nehmen müssen. Wir lassen die Fenster etwas runter, sodass wir mit ihnen reden können. Maria und Carmen können einige Worte der Indianersprache «Qetschua«. Hektisch werden Fragen gestellt und Antworten gestaggelt. Ich verstehe kein Wort, ausser, dass ich meine letzten Zigaretten hergeben soll, was verglichen mit der misslichen Situation nicht mal so schlimm ist. Nach zehn Minuten erstarrtem Warten lassen sie uns weiterfahren. Wir atmen auf.  

Alkohol, der umhaut

Warum die fünf Bauern im Alter von etwa 25 Jahren so aggressiv waren und unser Auto fast zerlegt hätten, erfuhr ich am nächsten Morgen auf dem Markt: Wir gehen auf und ab, werden wie Marsmenschen angestarrt und kaufen Mandarinen und Cola. An einem Stand füllt ein Mann eine farblose Flüssigkeit von einem Benzinkanister in eine Petflasche. Maria erklärt mir, dass dies der 96-prozentige Industriealkohol sei, den sie hier trinken, um verständlicherweise schon nach den ersten «Shots« stockbetrunken zu sein. Später essen wir in einem Restaurant im Dorf, welches, wie alle andern Häuser bzw. Hütten, aus einem Lehmboden und vier Wänden besteht, Licht dringt kaum in Innere. Die Suppe ist sehr gut, das Huhn darin lebt noch fast und die Eier, welche mehr wie Embrios aussehen, mag ich nicht essen. In diesen Regionen sind die Menschen sehr gekränkt wenn man ihr Essen verschmäht oder nicht trinkt. Darum ist es empfohlen, etwas diplomatisch vorzugehen, was ich mit der «Feigling Vegetarier Ausrede« bestens manage.  

Kartoffeln in allen Farben

Nach einer eiskalten Nacht in einer dieser Hütten mit Lehmboden, null Isolation und natürlich keiner Heizung, beginnt der nächste Tag früh mit der Besprechung, wie der Kochwettbewerb und der «bio diversity concurse« ausgewertet werden sollen. Aufgaben werden verteilt, ich lade alle Akkus und mache die MiniDVD-Kamera parat. Für das «Centro International de la Papas« (CIP) soll ich den ganzen Wettbewerb filmisch dokumentieren und mit den Leuten, die zum Teil fünf Stunden mit Kartoffelsäcken auf dem Rücken zum Concurso gelaufen sind, Interviews machen. Maria vom CIP und ein Quetschua-Spanisch-Übersetzer helfen mir dabei. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele farbig gekleidete Menschen gesehen und Kartoffeln in nahezu allen Farben von Gelb über Grün und Violett bis zu knalligem Orange. Der Gewinner des «Artenvielfalt Wettbewerbs« hatte 320 verschiedene Sorten von Papas (Kartoffeln) ausgestellt, welche er alle auf seinem eigenen Acker von Hand angepflanzt und geerntet hatte. Unglaublich.

Gebratenes Meerschweinchen

Am Abend gibt es ein grosses Fest. Auf der Ehrentribüne sitzt, neben dem Bürgermeister und den “Autoridades”, eine Gruppe Gringos in «Zivil« und drumherum das ganze Dorf im traditionellen Dress. Ob sie uns wirklich mögen oder nicht, war für mich schwer abzuschätzen. Das ganze Fest ist wie ein Spiel mit vielen Ritualen. Zum ersten Mal musste ich Cocablätter kauen, 96-prozentigen Industriealkohol trinken, Zigaretten mit schwer definierbarem Inhalt rauchen und Meerschweine essen. Abgesehen vom Anblick des Meerschweins, welches nackt gebraten, mit aufgesperrtem Maul auf dem Rücken im Teller lag, schmeckte es wie Chicken. Nach allen Zeremonien wird gefeiert, getanzt und viel getrunken. Als ich um halb Sechs mit dem Auto auf einen nahe gelegenen Berg fahre, um den Sonnenaufgang anzusehen, kommen mir die letzten Trinktänzer entgegen, welche die eiskalten Morgenstunden auf 4000 M. ü. M. durchgefeiert haben. Der Sonnenaufgang war enttäuschend normal.