Gesellschaft | 07.06.2006

Stadt in den Berg

Text von Deborrah Schär
Wusstest du, dass tief im Inneren des Luzerner Sonnenbergs die grösste Zivilschutzanlage der Welt schlummert? Im September erhält die Bevölkerung nun die Chance, dieses einmalige Zeitzeugnis zu besichtigen, bevor der Bunker Ende Jahr seine Panzertüren für immer schliesst.
Auf dieser Darstellung ist die Tunnelröhre mit den Notbetten und den Waschecken zu sehen. Hier funkts: Signale werden hier gesendet und empfangen.

Vor genau 30 Jahren wurde in Luzern die Zivilschutzanlage Sonnenberg eröffnet. Ziel war es, bei einer Bedrohung 20’000 Menschen im Inneren des Berges Schutz zu bieten. Auf engstem Raum hätte man dort unterirdisch überleben können. Für jeden Fall der Fälle wäre vorgesorgt gewesen, so beherbergt die Anlage nicht nur tausende von Betten, die in den beiden Tunnelröhren des Autobahntunnels Sonnenberg aufgestellt worden wären, sondern auch Schleusen, Arrestzellen sowie ein Notspital.

Mittlerweile wurde die Instandhaltung des Bunkers, die jährlich 250’000 Franken verschlang, aufgegeben. Dennoch enthält er bis heute eine Fülle verschiedenster Zugänge zu den Zeitzeugen des Kalten Krieges.

Bedürfnis ist vorhanden

Ins Leben gerufen hat dieses Projekt zur Besichtigung der Zivilschutzanlage Dr. Jürg Stadelmann, Historiker und Geschichtslehrer an der Kantonsschule Luzern. Selbst fasziniert von dieser historischen Quelle gleich um die Ecke, ist er überzeugt, dass die Öffnung der Anlage weite Teile der Bevölkerung interessiert und ein Bedürfnis zur Aufarbeitung der Geschichte vorhanden ist. Viele Luzernerinnen und Luzerner hätten im Falle eines Krieges oder eines atomaren Ausbruchs in eben diesem Bunker Schutz gefunden.

Aktionstage für einen Monat

Und so hat Dr. Jürg Stadelmann zusammen mit seinem jungen Team ein interessantes Projekt lanciert, das durchaus nicht nur trockene Besichtigungen im Touristenstil beinhaltet. Den ganzen September über finden Aktionstage im Bunker statt. Es wird Führungen geben, speziell abgestimmt auf Familien, Schulklassen und Einzelpersonen. Dabei erhält man die Gelegenheit, die verschiedensten Elemente auszuprobieren, etwa den Bunkerinternen Nachrichtendienst oder ein Probeliegen auf den vierstöckigen Notbetten. «Bei den Besuchern soll ein Gefühl entstehen, wie es damals hätte sein können«, sagt Jürg Stadelmann. Zusätzlich werden diverse Hintergrundinformationen vermittelt, so lernen etwa Schulklassen, was wichtig ist zum Überleben, im Fall der Fälle.

Kulturnacht droht ins Wasser zu fallen

Zusätzlich zu den Führungen wird es diverse Rahmenanlässe geben, so diskutieren beispielsweise Philosophen im Bunker mit Fachpersonen und Interessierten, Literatur und Musik zeigen den Umgang mit Bedrohung auf künstlerischer Ebene und ein weiteres Highlight wird die Ausstellung des weltberühmten Fotografen Richard Ross sein, der sich auf seine Art mit der Thematik beschäftigt.  

Als Auftakt des Projektes wäre eigentlich eine Kulturnacht im Osttunnel der Sonnenbergautobahn geplant gewesen. Ein grosser Event mit Musik, Theater, Kulinarischem und gar einem Radarrennen. Doch leider reicht die Sperrung einer Tunnelröhre aus Sicherheitsgründen nicht aus, man stelle sich einen Unfall mit Rauchentwicklung im anderen Tunnel vor, oder gar ein Amoklauf im Festtunnel. Im Fall der Fälle wäre nämlich die jeweils andere Röhre für die Evakuierung der Bedrohten in der Unglücksröhre gedacht. Den ganzen Verkehr im Sonnenbergtunnel während einer Nacht vollständig zu sperren, dazu sind die Behörden leider nicht bereit. Doch Jürg Stadelmann hat noch nicht aufgegeben und sucht nach weiteren Möglichkeiten, dem aussergewöhnlichen Projekt einen würdigen Auftakt zu verleihen.

Links

  • www.geschichte-luzern.ch