Kultur | 19.06.2006

La boca del diablo

Alexander Wyssling, Tink-Reporter aus Zürich, erlebt derzeit aufregende Wochen in Perus Hauptstadt Lima. In einer mehrteiligen Serie publiziert Tink.ch seine Berichte und eindrücklichen Bilder. Hier Teil 3.
Das Ende der Millionenstadt: Hinter den Häusern hört es Abrupt auf, danach beginnt die Wüste, welche Lima umgibt. Ein durchschnittliches Haus, das von mindestens vier Menschen bewohnt wird. Blick in den Hinterhof eines Hauses. Arbeiter beim Errichten einer Stützmauer. Hin und her: Steine werden von den Frauen geschleppt. Dafür gibts 5 Franken am Tag. Armer Hund Das erste was sich die Menschen hier kaufen, vor einem Bett oder einem Tisch, ist ein TV und eine mindestens 300 Watt Stereoanlage.

Mit einem Ingenieur war ich im Rachen des Teufels um den Fortschritt seines Stützmauernbaus zu besichtigen: Im Vergleich zu San Juan ist es in “boca del diablo” wirklich wie im Rachen des Teufels, noch viel abgelegener und ärmer. 

Nach einer eineinhalbstündigen Taxifahrt über die “Via Expresa” durch San Isidro, Lima Centro und über den Fluss “Rio Rimac” kommen wir am nordöstlichen Ende von Lima an, das absolute Ende der Millionenstadt, “The very end of Lima”.

In einem Kessel am Beginn der Hügel hört die Zivilisation plötzlich auf. Fertig. Ende. Nur noch Sand und Felsen. Die Sonne brennt vom Himmel und es stinkt fürchterlich nach allem möglichen. Als wir aus dem Taxi aussteigen, sehe ich auf einen kleinen Platz umringt von Hütten. Kinder spielen und Hunde bellen. Ein keiner Junge macht sein Geschäft mitten auf dem Platz. Niemand scheint es zu kümmern. Zu Hause haben sie auch keine Toiletten und an manchen Stellen sieht man wie die Kacke von den Plumpsklos langsam durch den Boden durchsickert und wieder an die Oberfläche kommt.

Der “Dirijente”, der Präsident von buco del diabolo begrüsst uns herzlich. Der gute Mann hat keine Zähne in der oberen Reihe, ausser zwei Eckzähnen, die viel zu lang sind und ihm das Aussehen eines Draculas verleihen. Wir besichtigen die Stützmauern und machen Fotos. Weiter oben bei einem Getränkestand gibt es eine Pause wir trinken Inca Kola. Das schmeckt wie flüssiger eiskalter Kaugummi.

Während der Ingenieur mit dem Dirijente spricht, gehe ich ein Stück zu Fuss die Strasse hoch und mache einige Fotos. Meine EOS350D verstecke ich immer in einer Plastiktüte und nehme sie nur hervor wenn ich etwas Faszinierendes sehe. Ein abgemagerter Hund frisst im Müll. Ich kann seine Rippen zählen. Während ich ihn und den Müll fotografiere, kommen zwei Hunde bellend auf mich zugerannt. Ich schaue ihnen mit meinem Killerblick in die Augen. Die Hunde lachen innerlich und bellen weiter. Scheisse die wollen mich beissen. Ich bleibe wie versteinert mit der Kamera in der Hand stehen. Die Hunde kommen mit gesträubtem Nackenfell näher. Überall schauen Leute aus ihren Hütten, sie starren mich genau so böse an, wie die zwei Hunde. Viele von ihnen sehen den ersten weissen Menschen, abgesehen von denen im Fernsehen. Ich schaue die Hunde nochmals böse an und gehe zum Ingenieur und dem Dirijente zurück.

Auf der Rückfahrt haben wir ein “schönes” Taxi. Natürlich hätte auch dieses auf Schweizer Strassen gar keine Zulassung mehr, aber es hat elektrische Scheiben und röchelt nicht ganz so schlimm wie alle anderen. Der Ingenieur schläft neben mir. Ich schaue aus dem Fester. Wir fahren durch Lima Centro, die Strassen sind verstopft und es stinkt unerträglich nach Abgas. Wenn man hier ein Auto kauft, kann man wählen, ob man mit oder ohne Katalysator will. Ohne ist billiger. Ein anderer Faktor ist hier nicht relevant. An den Lichtsignalen stehen Bettler zwischen den Autos. Die Einen machen Zaubertricks, jonglieren oder verkaufen Handyzubehör und Scheren. Andere fahren mit dem Rollstuhl durch die Autos und schauen ganz traurig in die Autofenster. Ich bin müde, das Hupen auf den Strassen wird immer leiser und die Bilder von den Menschen auf den Strassen, den Hochhäusern und den Autos ziehen in Fetzen vorbei. Ich nicke immer wieder kurz ein.