Politik | 26.06.2006

Kein Ausgang für Merdita

Am Mittwoch diskutierten die Zentralschweizer Vereine Zwangsheirat.ch und Politforum über erzwungene Eheschliessungen. Von einer Zwangsheirat spricht man, wenn eine Person gegen ihren Willen verheiratet wird.
Seyran AteŠŸ macht sich seit 1983 für die Rechte von Mädchen stark.
Bild: Zwangsheirat.ch Atnan unterstützt die Freiheit seiner älteren Schwester Ylfete. Hassan Rahimifar lässt seine Töchter selber wählen.

Entscheidend ist dabei nicht, ob sich die Braut respektive der Bräutigam bei der Zeremonie lauthals zur Wehr setzt. Entscheidend ist die Frage, ob er oder sie im Vorfeld eine reelle Chance hatte, den für sie arrangierten Bund für das Leben abzulehnen.

Merita, eine im Dokumentarfilm portraitierte junge Frau, verliebte sich mit 17 Jahren. Ihre Eltern waren erbost und liessen sie für eine Weile nicht mehr aus dem Haus, auch nicht zur Schule. Als die Eltern ihr mit einer Verheiratung drohten, traf sie eine folgenschwere Entscheidung: Sie riss ohne Geld und Berufsausbildung von Zuhause aus. So wie Merita ergeht es auch anderen Jugendlichen in unserem Umfeld. Sie stehen vor der Wahl, sich entweder den elterlichen Eheplänen zu beugen oder aber auf die persönliche Freiheit zu setzen, was die eigene Familie zuweilen mit Verleumdung oder gar Abbruch der Beziehung erwidert.

Bei uns auch ein Thema?

Dies ist keine Geschichte aus Südosteuropa oder dem fernöstlichen Asien. Die im nüchtern gehaltenen Film porträtierten Menschen leben mitten unter uns in den Kantonen Luzern, Zug und Thurgau. Seyran AteŠŸ, eine extra nach Luzern angereiste deutsch-türkische Frauenrechtsexpertin, erläuterte in ihrem Vortrag, dass nebst jungen Mädchen auch Knaben dasselbe Schicksal erführen. Wird ein Mädchen in eine befreundete Familie verheiratet, könne schon mal eine Verkuppelung der neuen Schwägerin mit dem eigenen Bruder folgen.

Zwangsheirat ist also nicht nur ein Frauenthema. Ebenso wenig ist es ein an einzelne Religionen gekoppeltes Phänomen. Rosmarie Zapfl-Helbling, Zürcher Nationalrätin und Europaratsmitglied, erinnerte daran,dass das Konkubinat bis vor wenigen Jahrzehnten in der katholischen Kirche verboten war und der Wunsch eines Paares auf das Zusammenleben ausschliesslich über die Vermählung führte.

Während sich die strengen Sittenregeln inzwischen mancherorts gelockert haben, orientieren sich andere Menschen nach wie vor stark an ihren Traditionen. Die in Fachkreisen sehr bekannte Seyran AteŠŸ schilderte aus eigener Erfahrung die omnipräsente soziale Kontrolle. Verwandte, Nachbarn und Dorfleute hielten immer und überall ein Auge auf die Mädchen und Frauen. Fallen diese durch unkonventionelles Verhalten auf, würden sie das Familienbild beschmutzen und die Ehre des Vaters verletzen. Zwar könne die Tochter den guten Familienruf zwar nicht aufbauen, ihn aber sehr wohl massiv beeinträchtigen – was für die Mädchen und Frauen ein ungeheurer Druck darstelle.

Die Ursachen von Zwangsheirat, bekräftigte die Moderatorin Gisela Hürlimann, seien demnach in einer Mischung aus Kultur, Religion, Tradition und Geschlechterfragen zu orten. Deshalb müsse die Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit auf unterschiedlichen Ebenen erfolgen, was nun endlich auch in der Schweiz langsam anlaufe.

Hilfe für Jugendliche

Eine Eheschliessung darf frühestens im Alter von 18 Jahren erfolgen, so steht es in unserem Zivilgesetzbuch geschrieben. Drängen Eltern Jugendliche zum Ja-Wort, indem sie zum Beispiel jahrelange Vorbereitungen treffen und ihr eigenes Glück in einem solchen Masse vom anstehenden Hochzeitsfest abhängig machen, dass die Tochter oder der Sohn sich erst gar nicht wagt, nein zu sagen, so läuft dies dem geltenden Recht zuwider. Sobald sich die Zeichen einer Zwangsheirat mehren, sollte die betroffene Person aktiv werden. Bringt das direkte Gespräch mit den Eltern keinen Erfolg, so ist der Weg zu einer Beratungsstelle angezeigt, die je nach Fall auch den Dialog mit den Eltern sucht oder gar eine Vermittlungsrolle übernimmt.

Tradition endet dort, wo Rechte verletzt werden

«Eine Ehe darf nur im freien und vollen Einverständnis der künftigen Ehegatten geschlossen werden.- So steht es in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Die freie Partnerwahl gehört dementsprechend genauso zu den Grundrechten wie das Recht auf Leben, das Recht auf einen Namen und eine Staatsangehörigkeit.


Beratungsstellen

Tink.ch hat für betroffene Jugendliche drei Fachstellen ausfindig gemacht. Die Kontaktaufnahme ist unverbindlich und gratis. Das Beratungsteam ist übrigens an die Schweigepflicht gebunden und darf keine Informationen weitergeben – auch nicht an Familienmitglieder.

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