Kultur | 30.06.2006

Eine Nahaufnahme vom Nahen Osten

Text von Lena Tichy
Im Irak wird noch immer täglich gekämpft, ohne dass wir viel davon mitkriegen. Jetzt kommt ein Film ins Kino, der das Land zeigt, als Saddam noch an der Macht war. Kilomètre Zero verzichtet auf Politik und ist dabei witzig, tragisch und voller Herzblut.
Schmipfen hilft auch nichts, Selmas Vater will noch nicht abtreten.

Immer lächelt er, immer sieht er aus wie ein Sieger: Saddam Hussein, als der Irak noch ihm gehörte. Kilomètre Zero ist voller Anspielungen auf den Diktator. Mehrmals filmt die Kamera minutenlang eine Saddam-Statue vom Hals ab aufwärts. Auf diese Weise sieht der Zuschauer nur den Kopf und die eiserne, erhobene Faust. Ein besseres Sinnbild für den grossen Tyrannen lässt sich schwerlich finden. Trotzdem geht es in dieser Geschichte nicht um Saddam. Der Regisseur Hiner Saleem, der 1964 im irakischen Kurdistan geboren wurde, erzählt die Geschichte eines Kurden, der 1988 unfreiwillig in den damals tobenden Krieg zwischen Iran und Irak hineingezogen wird. Ako lebt mit seiner Frau Selma im Bergland von irakisch Kurdistan und würde am liebsten abhauen. Wenn da nicht Selmas Vater wäre, der zwar praktisch tot ist, aber theoretisch immer noch lebt. Der fluchende alte Mann ist der einzige Grund, warum Selma und Ako die Gegend noch nicht verlassen können

Ein Grund zur Hoffnung

Bereits zu Beginn des Films zeigt sich der herrliche Humor des Filmemachers. Je trauriger und unwürdiger die Situation für seine Protagonisten wird, desto mehr bringt er uns zum Lachen. In einem Interview sagte Hiner Saleem: «Was den Humor betrifft, den habe ich möglicherweise von meinem Grossvater geerbt. Er sagte: Unsere Vergangenheit ist traurig, unsere Gegenwart tragisch, aber zum Glück haben wir keine Zukunft.« Während Saleems Grosvater auf diese Art einen ironischen Kommentar zum unterdrückten Volk der Kurden machte, gibt der Regisseur selbst mit dem Titel seines neuen Films ein Statement zum gesamten Irak ab: «Kilomètre Zero meint, dass wir immer noch am selben Punkt stehen: Der Irak wurde vor achtzig Jahren erfunden und hat seither keinen Schritt nach vorne gemacht. Das kann einen zur Verzweiflung bringen oder aber ein Grund zur Hoffnung sein.« Ein Grund zur Hoffnung ist auf jeden Fall dieser Film, mit all seinen grotesken und zärtlichen Szenen und seiner nahen Vewandtschaft zum Roadmovie. Kurz: Wertvollstes Kino.