Gesellschaft | 30.06.2006

4 unvergessliche Tage

Auf dem Bodenseecamp 2006 haben sich über Pfingsten 100 junge Medienmacherinnen und Medienmacher aus Österreich, Deutschland und der Schweiz getroffen, um gemeinsam in verschiedenen Workshops ihr Wissen zu erweitern und sich gemeinsam auszutauschen. Ein kurzer Erlebnisbericht.
Ein schöner Anblick, nicht wahr? Mein Workshopleiter. Hier ausnahmsweise nicht am Reden.
Bild: Ruben Demus Der letzte Abend im grossen Zelt Es war schwierig Menschen zu fotografieren, ohne dabei selbst fotografiert zu werden. Ruben Demus

Tag 1. Ein-Euro-Bier

Ich habe meinen Schlafsack im Zug vergessen, dabei ist es nicht mal meiner. Das fängt ja schon gut an. Die anderen Jugendlichen, die ich im Bus treffe, sind nicht gerade gesprächig, es ist still und jeder geht seinen eigenen Dingen nach. Am Camp angekommen ist dies nicht gross anders, es scheint eine Hemmschwelle zu geben, die noch nicht überwunden ist. Doch mit der Zeit habe ich mich eingelebt und fange an, mich mit den Menschen zu unterhalten. Die Jungs, welche mit mir im selben Zelt übernachten werden, scheinen ganz in Ordnung zu sein, kommen alle aus dem Schwabenland und haben einen Humor, den ich mag.

Nach ein bisschen Smalltalk und Umherschlendern auf dem Gelände entdecke ich die Aloe-Bar respektive die Aloe-Bar-Bierpreise. Wahnsinn, für einen Euro, richtiges Flaschenbier zum Einkaufspreis. In dieser Bar gibt es auch noch eine Leseecke mit verschiedenen Zeitschriften aus den drei Teilnahmeländern. Die Schweiz ist nicht gerade vorteilhaft vertreten: Migros-Magazin und 20 Minuten liegen da rum. Eignet sich aber hervorragend um verschüttetes Bier aufzuwischen.

Die Zelte und Bereiche haben alle schöne Namen. Namen wie Seychellen, Tunesien oder Malediven. Doch mal abgesehen davon erinnert mich hier nichts an eine tropische Gegend. Es ist kalt, saukalt, richtig polarisch.

Der Abend gestaltet sich durch interessante Gespräche in der Bar und Ukulelenspielen im Zelt. Irgendwann werde ich müde und möchte schlafen, doch diese Schwaben wollen einfach nicht aufhören zu quatschen und zu singen. Wie aufgeregte, hyperaktive Pfadfinder quasseln  und faseln sie die ganze Nacht und fast den ganzen Morgen lang. Wenigstens lenkt das Gerede von der eisigen Kälte ab.

  

Tag 2. Kreatives Blablabla

Müde. Um in die Gänge zu kommen brauche ich erstmal einen überzuckerten Kaffee und eine Zigarette, doch so richtig schaffe ich den Einstieg in den Tag nicht. Es geht dennoch los mit Workshops. Der Leiter vom Workshop, den ich besuche (Kreatives Schreiben), ist ein schätzungsweise 25-jähriger Student. Auch er redet viel, sehr viel sogar, und das noch aussergewöhnlich schnell, ohne Punkt und Komma. Wie ein Berliner eben. Zwar ist es oft sehr unterhaltsames, wissenswertes Zeugs, was da rauskommt, aber einfach zu schnell, so dass man gar nicht wirklich folgen kann, jedenfalls nicht wenn man so müde ist wie ich. Es erinnert ein bisschen an «Die Sendung ohne Namen«, welche ich mir früher immer gerne angesehen habe. Aber wir bekommen auch noch die Möglichkeit praktisch tätig zu sein. Wir setzen uns am Bodensee in der Kälte nieder und bringen zu Papier, was uns gerade so durch den Kopf geht. Kreativ eben. Der Rest des Tages und des Abends ist sehr gemütlich und ich treffe einige nette Menschen, bin aber so müde, dass ich schon bald schlafen gehen muss, doch dieses Mal in einem eigenen Zelt. Vom Palma del roten ins Solorar und wieder ist es arschkalt und es dauert eine Weile, bis ich im Reich der Träume versinke.

  

Tag 3. Trinken, rauchen und schreiben

Ein richtig schöner Morgen. Die Sonne scheint und ich bin erstaunlich fit. Um den Start in den Tag noch zu erleichtern, gönne ich mir zum Frühstück einen überzuckerten Kaffee und eine Zigarette. Dann geht es weiter mit dem Workshop: ein bisschen schreiben, ein bisschen zuhören und ein bisschen entspannen. Um die Kreativität noch zu steigern, begann ich relativ früh mit dem Bierkonsum. Das hat sich wunderbar bewährt. Trinken, rauchen und schreiben ist eine wundervolle Kombination, daran könnte ich mich echt gewöhnen. Es ist ein phantastischer Tag.

Am Abend schaue ich mir die Präsentationen der verschiedenen Workshops an, denn es ist leider schon der letzte Abend. Diesen geniesse ich aber noch in vollen Zügen und versuche nicht an ein Morgen zu denken.

Tag 4. Trauriger Abschied

Oh, wie mein Kopf schmerzt, als ob eine Herde Wasserbüffel darüber getrabt wäre. Die Erinnerung an die letzten abendlichen Stunden ist schwach und ich bin dem Verdursten nahe. Nicht einmal ein überzuckerter Kaffee und eine Zigarette können mich aufpeppen.

Wir bekommen noch die Campzeitung, an welcher die Leute im Zeitungsworkshopdie ganze Nacht gearbeitet haben, während der Rest am Feiern war. Das Ergebnis ist es jedenfalls wert. Die Leute verabschieden sich nach und nach. Nach langem Warten auf eine bestimmte Fotografin, was auch etwas Schönes hat, machen schliesslich auch wir uns auf den Weg. In Schaffhausen essen wir noch mit alten und neuen Freunden Pizza und nach einem traurigen Abschied geht jeder wieder seinen eigenen Weg. Das Camp ist vorbei.

Fazit

Nach dem Camp wurde ich sogleich zwei Tage krank. Bodenseecampfieber nennt man das wohl. Und es ging mir nicht so gut. Bodenseecampdepression. Es war ein sehr schönes Erlebnis. In Worten schwer auszudrücken. Nur einen, vielleicht zwei Nachteile hatte die ganze Sache: Es war viel zu kurz, wirklich viel zu kurz und viel zu kalt, so was von viel zu kalt. Sonst wäre es perfekt gewesen.


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