Kultur | 01.05.2006

Vom Geheimtipp zum geschätzten Kulturort

Text von Janosch Szabo | Bilder von Janosch Szabo
Ein Blick zurück auf entschlossene Anfänge, ein Blick zurück auf schwierige Momente: Das Carré Noir und seine Betreiber haben in den ersten vier Jahren viel erlebt.
Das engagierte Trio vor dem Eingang des Carré Noir.Silvia Vassilev: "Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir den Künstlern eine anständige Gage auszahlen können." Pascal Gassmann: "Man hat es uns nicht immer einfach gemacht. Es gab Momente, die mussten wir schlucken." Eric R. Frutiger: "Mal sind wir wütend aufeinander, mal loben wir uns und vor allem haben wir Respekt voreinander."
Bild: Janosch Szabo

Am Anfang ist die Idee: Im Falle des Carré Noir wurde sie am 1. August 2001 konkret, als Eric, Pascal und Norga Schutzbach beisammen sassen und beschlossen «Äs wäri zit öppis zämä zmachä«. Mit dem Beschluss Träume zu realisieren ging es dann ziemlich schnell. Plötzlich waren sie mittendrin, bauten eigenhändig die Bühne, richteten das Theater her, stellten ein Programm zusammen und eröffneten am 12. Dezember. Zum Auftakt gab es vier Tage Opendoors mit bekannten Künstlern wie Christoph Borer, Music Simili und Daniel Erismann. Pascal kann sich noch genau erinnern: «Wir haben die Bude voll gehabt. Das waren wunderschöne Tage.« Der «Bund« titelte «Neues Theater in der Bieler Altstadt« auf seinem Kioskplakataushang. Der hängt noch heute im Büro des Carré Noir, vorne beim Fenster an der Wand.

Dodo Hugs Rückkehr nach Biel 

So erfolgreich der Start, so streng das erste Jahr. Was heute eine Programmplanung mit weitem Vorausblick ist, war damals ein Gerenne von Monat zu Monat. Die Künstler mussten Eric, Norga und Pascal von sich aus kontaktieren. Da kamen noch nicht haufenweise Bewerbungen ins Büro geflattert. Aber es kamen erste grosse Namen: Marco Zappa und im April, wenige Monate nach der Eröffnung, Dodo Hug. Die drei legten sich ins Zeug und organisierten der Grande Dame der Kleinkunst ein Konzert im Volkshaus. Ihre Rückkehr in Biel nach rund 10 Jahren wurde zum grossen Erfolg. Mittlerweile sind schon zwei weitere Auftritte über die Bühne gegangen, einer davon sogar im Carré Noir.

Momente zum schlucken

Wer steht wohl vor der Tür? Das dachten die Betreiber des Carré Noirs, als es nach genau einem Jahr an der Türe klopfte. Es waren zwei von der Gewerbepolizei. Nach ihrer Kontrolle wollte Regierungsstatthalter Garbani das Kleintheater schliessen lassen, solange bis alle Vorlagen für eine gültige Bewilligung erfüllt seien. Doch das liessen sich die Macher nicht gefallen, schliesslich hatte es gerade richtig gut zu laufen begonnen und erste Künstler hatten sich von selber beworben. Zu ihrem Glück sahen die Gewerbepolizisten ein, dass es sich bei dem Keller an der Obergasse nicht um eine befürchtete illegale Bar handelte. Gemeinsam wurde ein Kompromissweg gefunden, der darin bestand, dass Pascal monatelang für jeden Vorstellungs-Abend zahlen gehen musste. Zudem dauerte es acht lange Monate, bis alle für die Bewilligung erforderlichen Vorlagen erfüllt waren, bis nacheinander alle vorbeigeschaut hatten, von der Feuerpolizei, über das Lebensmittelinspektorat bis hin zum Heimatschutz. Besonders die Lüftung, die im Sommer eingebaut wurde und rund 10 000 Franken kostete, brachte Pascal und Eric an finanzielle Grenzen. Zu allem hinzu hatte Norga die beiden kurz vor dem Sommer verlassen. Aber die beiden hielten durch und Pascal resümiert auf das schwere Jahr 2003 zurückschauend: «Man hat es uns nicht immer einfach gemacht. Es gab Momente, die mussten wir schlucken.«

Drei, die die Bühne kennen

Es braucht halt doch drei: Das merkten Pascal und Eric, nachdem sie das Theater sechs Monate zu zweit geführt hatten. Und es sollte eine Frau sein. Da kam eine in Frage, die schon so manche Vorstellung im Carré Noir besucht und auch ab und zu an der Kasse geholfen hatte, Silvia Vassilev. Sie kannte die Theaterszene gut. Im Chor des Stadttheaters Biel war sie zu dieser Zeit selber aktiv. Dieses Engagement musste sie aber aufgeben, als sie sich entschied im Team des Carré Noirs einzusteigen. Und sie tat es im genauen Wissen was auf sie zukommen würde. Eric und Pascal hatten sie gewarnt, waren ehrlich gewesen.

Ehrlichkeit und Offenheit sind es auch die das Team seither zusammenhalten. «Mal sind wir wütend aufeinander, mal loben wir uns und vor allem haben wir Respekt voreinander«, sagt Eric. Alle drei kennen das Künstlerdasein, alle drei sind selber Schauspieler oder Musiker und alle drei haben auch schon auf ihrer eigenen Bühne gespielt. Eric machte den Auftakt im Herbst 2003 mit dem Stück «Mehrschweingeschichten«. Erstmals nach sieben Jahren stand er wieder auf der Bühne, «ein Highlight«, wie er selber sagt. Auch Silvia und Pascal kennen das Gefühl auf der Bühne des eigenen Theaters zu spielen. «Es ist wunderschön, ein Toperlebnis, ein unvergesslich schöner Moment und ganz anders, als im Stadttheater«, sagt Pascal.

Eigenproduktionen wollen die drei in Zukunft vermehrt auf die Bühne bringen, da das auch Geschenke an sie selber seien. So ist denn in Hinblick auf Eröffnung der neuen Spielzeit – sie beginnt am 1. September 2006 –  auch schon eine Eigenproduktion in Arbeit.

Gagen, Geld, Gerechtigkeit

Wünsche für die Zukunft: Das haben auch die drei vom Carré Noir. Dass sie, um anerkannt zu werden, einen gewissen Weg gehen müssen, wissen die Macher. Sie gehen diesen Weg zielstrebig, seit vier Jahren. Für die Zukunft wünschen sie sich vor allem Anerkennung von der Stadt, was sich finanziell auch in Subventionen ausdrücken soll. «Wir hoffen, dass die Kulturabteilung der Stadt endlich aufwacht und uns entsprechend unterstützt«, spricht Pascal Klartext. Gerne würde er nämlich jemanden für regelmässig anfallende Arbeiten im Theater zu einem Minimalbetrag anstellen. Und er fordert mehr Gerechtigkeit: «Was von uns verlangt wird, nämlich professionelle Arbeit und der Beweis, dass das was wir machen gefällt und auf die Dauer funktioniert, möchten wir auch bei den anderen sehen.« 

Silvias Wunsch betrifft die Künstler: «Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir ihnen eine anständige Gage auszahlen können. Natürlich hätten auch wir Freude, wenn wir für unsere Arbeit bezahlt würden. Das wäre eine Anerkennung.«

Und trotzdem: Dass es auch ohne viel Geld geht, haben die drei eindrücklich bewiesen: Das heimelige Kellertheater ist vom Geheimtipp zum geschätzten Kulturort geworden, zum einzigartigen Keller, wo die Kleinkunst lebt.

Links