Gesellschaft | 23.05.2006

„Schnupperlehre ist halbe Bewerbung“

Text von Marco Otti
An einem sonnigen Donnerstagmorgen reisen zwei 17-jährige Stifte vom Projekt Rent-a-Stift von Bern Richtung Schwarzenburg nach Niederscherli. Ihr Ziel ist eine achte Klasse im Oberstufenzentrum.
Nicole Hirschi und Philipp Gerber berichten den Schülern der 8a über ihre Erfahrungen bei der Lehrstellensuche.

«Die Schnupperlehre ist die halbe Bewerbung«, trichtert Nicole Hirschi den Schülern ein. Nicole macht die Ausbildung zur Bäcker-Konditorin und ist im zweiten Lehrjahr. Zusammen mit Bauzeichner-Lehrling Philipp Gerber gibt sie den siebzehn Schülern Tipps und Infos zur Lehrstellensuche.

Philipp hatte von Anfang an seinen Traumberuf Informatiker. Trotz Multicheck und über zwanzig Bewerbungen, bekam er nirgends eine Zusage: «Also habe ich mich nicht mehr nur auf einen Beruf fixiert«. Und das hat sich ausgezahlt, ist er doch heute auf gutem Wege, Bauzeichner zu werden. Nicole hatte eigentlich im Sinn eine Lehre als Drogistin zu machen. Weil sie aber viel geschnuppert hat, fand sie eine Lehrstelle, die ihr viel besser gefällt.

«Verziere am liebsten Torten«

Nicole lernt drei Jahre und erzählt von ihrem Berufsalltag: «Ich bin immer auf den Beinen und stehe am Morgen sehr früh auf«. Sie hat sich aber mittlerweile an das Frühaufstehen gewöhnt. Am meisten mag sie an ihrem Beruf das kreative Arbeiten: «Ich verziere am liebsten Torten«. Nicole gibt ausserdem zu, dass sie ab und zu während der Arbeit esse: «Ich kann den süssen Leckereien kaum widerstehen«.

Philipp, der fast ausschliesslich am Computer zeichnet, sagt: «Ich arbeite vor allem im Bereich Tiefbau und konstruiere viel Strassen«. Dazu benötige er ein spezielles Computerprogramm, dass sich CAD nennt: «Mit diesem Programm lerne ich schnell und exakt zu arbeiten«. Philipp kann manchmal sogar auf die Baustelle und sich das Ganze anschauen: «Jedes Bauwerk ist einzigartig«.

Die BMS als Alternative zum Gymnasium

Nicole und Philipp besuchen beide die Gewerblich-Industrielle-Berufsschule in Bern. Nicole hat ein Tag pro Woche Schule. Sie erweitert in der Schule ihre Fachkenntnisse, aber auch die Allgemeinbildung kommt nicht zu kurz. Sie hat schon damit angefangen für die Lehrabschlussprüfung zu arbeiten: «Ich verfasse ein Rezeptbuch mit 150 Rezepten«.

Philipp besucht die Berufsschule im Blockunterricht: «Was bedeutet, dass wir zwei Wochen lang quasi en bloc Schule haben«. Er erwähnt aber auch, dass diese intensive Schulzeit auch sehr anstrengend sein könne. Zudem macht Philipp während seiner vierjährigen Lehre noch die Berufsmaturität. Und schaut dabei auch in die Zukunft: «Mit der Berufsmatur kann ich später direkt an die Fachhochschule«.

Du lernst für dich und deine Zukunft

«Was war euer schlimmster Tag?«, fragt ein Schüler der Klasse. Bei dieser Frage sind sich beide Lehrlinge einig. Nicole: «Mein erster Arbeitstag war am schlimmsten, ich kam mir ein bisschen verloren vor«. Doch dieser Tag liegt schon einige Zeit zurück. Schon bald wartet die Abschlussprüfung und Philipp sagt: «Dann haben wir einen Abschluss und dass ist heutzutage viel wert«. Auch werden die Beiden über Berufserfahrung verfügen. Sie schauen sogar in die ferne Zukunft. «Ich werde eine Zusatzlehre als Coiffeuse machen«, erklärt Nicole. Und Philipp? Vielleicht sehen wir ihn bald als Bauingenieur…

«Uns jungen Leuten hören die Schüler eher zu als älteren«

Philipp und Nicole gehören dem Projekt «Rent-a-Stift« an, welches seit März 2003 erfolgreich läuft. In Tandems gehen Lehrlinge aus den verschiedensten Berufen in Schulklassen und berichten über ihre Erfahrungen. «Uns jungen Leuten hören die Schüler eher zu als älteren«, stellt Philipp fest. Er und Nicole haben noch einige Schulbesuche vor sich.

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