Kultur | 02.05.2006

“Du machst nie das, was du erwartest”

Text von Lena Tichy
Wo sie am liebsten touren und warum ihnen Schweden manchmal auf die Nerven geht: Minor Majority haben es Tink.ch verraten. Ein Interview mit der fast vollständigen Band.
Bassist Henrik mag schwedische Musik - aber nur ganz bestimmte.

Da sitzen sie, Jon Arlid Stieng (Gitarre), Henrik Harr Widerøe (Bass), Harald Sommerstad (Keyboard) und der Schlagzeuger Halvor Høgh Winsnes.

Noch zwei Stunden bis zu ihrem Konzert in der Boa Luzern. Ganz vollständig ist die Band noch nicht: Sänger Pål Angelskår ist im Hotel geblieben, um sich auszuruhen.

Ihn hat, laut Aussage von Bassist Henrik, eine kleine Grippe erwischt.

Der Rest der Truppe ist aber wohlauf und gönnt sich noch ein Bier oder zwei.

Es werden noch ein paar Zigaretten angezündet, dann kann das Gespräch beginnen.

Fühlt ihr euch, jetzt wo das neue Album draussen ist, erleichtert? Oder ist der Druck grösser geworden?

Jon: Wir sind erleichtert, denke ich. Vor der Veröffentlichung waren wir ziemlich nervös, aber jetzt bekamen wir einige gute Kritiken in Frankreich und Norwegen, das ist schon mal gut.

Welche Seite eures Jobs gefällt euch am besten? Mögt ihr es eher, zu touren, oder im Studio zu sein und neue Songs aufzunehmen?

Harald: Nach der Tour finde ich es immer schön, ins Studio zurückzukehren.

Henrik: Ich weiss nicht, was ich lieber mag. Im Studio zu sein ist eine erniedrigende Sache, um ehrlich zu sein. Du sitzt den ganzen Tag da und musst dir alles was du einspielst anhören. Manchmal kommen dabei natürlich gute Sachen raus…

…aber manchmal auch nicht. Und dann musst du dir den eigenen Mist trotzdem ansehen.

Henrik: Genau. Und dafür schämst du dich dann. Schrecklich. Ausserdem beginnst du jeden Tag im Studio mit einer gewissen Erwartung an dich selbst, aber das Problem ist, dass du die kaum je erfüllst. Zugleich ist das natürlich das Schöne am Spielen: Du machst nie das, was du erwartest.

Nach vielen Konzerten in Norwegen wart ihr kürzlich auch in Holland und Frankreich. Jetzt seid ihr in der Schweiz. Unterscheidet sich das Publikum in eurem Heimatland vom ausländischen?

Jon: Wenn du das norwegische Publikum mit dem schweizerischen vergleichst, gibt es kaum einen Unterschied. Die Leute scheinen sehr ähnlich drauf zu sein.

Harald: Ich finde, es ist ausschlaggebend für die Stimmung, an welchem Ort du spielst, ob es ein Punk-Schuppen oder ein Konzertsaal mit Sitzplätzen ist. Aber allgemein mag ich es, in der Schweiz zu spielen.

Henrik: Du wirst es kaum glauben, aber als wir von Frankreich aus die schweizerische Grenze passierten, fielen wir auf die Knie und riefen: Endlich! Wir sind in Sicherheit! (lacht) Nein ehrlich, wir lieben die Schweiz. Das ist echt ein wunderschönes Land.

Ich hätte eine Frage zu einem Song auf eurem neuen Album…

Jon: Da können wir dir nicht helfen, entschuldige. Pål schreibt unsere Texte und er ist auch der Einzige, der sich dafür interessiert.

Halvor: Es gibt ja zwei Sorten von Menschen. Die einen achten sich bei Musik auf den Text und die anderen konzentrieren sich auf die Instrumente.

Harald: Und zum Glück haben wir wenigstens einen Typen in der Band, dem der Text wichtiger als die Musik ist. (lacht)

Welche Musik hört ihr privat?

Jon: Viel amerikanisches Zeug, Johnny Cash und Neil Young zum Beispiel. Aber auch Sachen von Ryan Adams und Alison Krauss.

Henrik: Ich liebe die Cardigans. (einstimmiges Murmeln) Long Gone Before Daylight (vorletztes Album von The Cardigans, Anm. d. R.) ist für mich jetzt schon das Album des Jahrzehnts.

Die sind ja auch aus Schweden. Jetzt würde ich gerne wissen: Nervt es euch, dass euer Nachbarland in der Musikpresse ständig präsent ist und über Norwegen nur ab und zu mal was geschrieben wird?

Henrik: Ja total. Das ist doch nur wegen ABBA und die gibt es schon ewig nicht mehr. Aber Schweden bleibt einfach das Land, wo guter Pop gemacht wird.

Halvor: In Norwegen wird viel mehr Geld in die Förderung von klassischer Musik und Jazz investiert.

Jon: Qualität ist uns viel wichtiger. Ich meine, sieh dir den Schrott an, den die Schweden zum Teil produzieren.

Harald: In Norwegen haben wir eine Independent-Szene, auf die wir stolz sein können.