Gesellschaft | 01.04.2006

Radio der Zukunft

Wir befinden uns im Jahre 2020. Vieles hat sich verändert, sei es nun im politischen, im technischen oder im zwischenmenschlichen Bereich. Sicher eine der neusten technischen Veränderungen ist das Radio.
Bild: Claudia Peter, Martin Sigrist und Sereina Sutter

Jeder und jede trägt zwei kleine elektronische Knöpfe an den Ohren. Das ist das Radio. Gesteuert wird das Ganze durch reine Willenskraft, durch die Gedanken. Auch hat jeder Radio so etwas wie seinen eigenen Radiomoderator. Dieser Radiosprecher geht auf die Wünsche des Hörers ein und stellt je nach Stimmung das Radioprogramm zusammen.

Heute, an einem sonnigen Tag im September, will Seta Radio hören. Er wählt den Radiosender Radio Europa. Radio Europa ist ein Piratensender, denn es sendet alle Fakten, auch die, die andere Länder von der Regierung aus nicht senden dürfen.

Zuerst hört Seta einen Newsflash:

“Wasserprojekt des Jahrhunderts: Hundert Millionen Haushalte werden durch einen einzigen Kanal versorgt.”

“Der neue US-Präsident ist gewählt: Der Demokrat will erreichen, was George W. Bush nicht gelang. UNO-Reformen werden eingeleitet.”

“Landwirtschaft im Umbruch: Mit Hilfe modernster Computertechnologie sollen kleinste Veränderungen am Gesundheitszustand erkannt werden.”

“Die Festung Europa nimmt neue Dimensionen an: Das Innenministerium will ein flächendeckendes Überwachungssystem aufbauen.”

“Ein platzender Luftballon versetzt die Europäische Union in Angst und Schrecken.”

Seta hört beinahe zweieinhalb Stunden Radio. In dieser Zeit erfährt er viele Nachrichten, aber er hört auch Musik und den Wetterbericht. Radio wie heute – und doch ganz anders.

Was hat sich seit dem Jahr 2005 alles verändert?

Mit sechzehn ist man volljährig und kann abstimmen. Auch kann man Auto fahren. Doch eine heftige Debatte kommt nicht zum Ruhen. Kann man mit fünfzehn, sechzehn Jahren schon eine Familie gründen? Es gibt Vor- und Nachteile, doch da heutzutage niemand mehr genug Zeit für die Familie hat, ist diese Debatte beinahe sinnlos.

Alle Menschen müssen arbeiten, zwischenmenschliche Beziehungen verkümmern immer mehr, da beinahe alles übers Internet abgewickelt wird. Doch wenigstens nimmt der Alter-Ego-Trend wieder ab. Dieser Alter Ego ist ein Zwilling, der jeder und jede im Internet hat. Dieser virtuelle Zwilling kann sogar Entscheidungen für seinen echten Zwilling treffen.

(Zu)viel wird durch das Internet koordiniert, alle Menschen werden kontrolliert, alles soll möglichst einheitlich ablaufen, damit es keine Ausfälle gibt. Europa konnte geeint werden, denn nur vereint kann man gegen Grossmächte wie Asien und Amerika bestehen. Krisen wie das immer schneller schwindende Erdöl und die Überschwemmung Hollands können im Kollektiv besser bewältigt werden.

Diese Radiosendung wurde von sechs verschiedenen Redaktionen zusammengestellt. Die mehr oder minder realistischen Ereignismeldungen wurden überraschenderweise ohne grosse Absprache mehrheitlich gleich abgefasst. So war zum Beispiel allen klar, dass das Erdöl nicht mehr lange reichen würde, nur der Zeitpunkt war nicht so klar. All diese erdachten, sehr abstrakten Szenarien lassen für das Jahre 2020 hoffen, doch leider nicht nur.


Radio Europa 2020
Diese Eventreportage ist ein internationales Projekt von Youthguide. Von Berlin berichteten Claudia Peter, Martin Sigrist und Sereina Sutter.