Gesellschaft | 10.04.2006

«Merken, wie klein unsere Erde ist»

Die Sternwarte Bülach mit einem der grössten Teleskope der Schweiz liegt am höchsten Punkt der Strasse von Embrach nach Bülach im Gebiet «Eschenmos». Der 33-jährige Primarlehrer Thomas Baer aus Winkel, leitet die Sternwarte seit einem Jahr.
Primarlehrer Thomas Baer aus Winkel, leitet die Sternwarte Sternwarte Bülach mit einem der grössten Teleskope der Schweiz.

Was kann man in der Sternwarte Bülach erleben?

Thomas Baer: Die Sternwarte Bülach ist eine der besten Sternwarten der Schweiz. Unsere Instrumente bieten eine unbegrenzte Möglichkeit, was das Beobachten von Objekten ausserhalb der Erdatmosphäre betrifft. Mit dem 85 cm Zwillingsteleskop haben wir eines der grössten Teleskope der Schweiz. Die Sternwarte gilt als Bildungszentrum. In den Frühlings- und Herbstferien bieten wir Beobachtungswochen für Schulen und Vereine an. Auch bei schlechtem Wetter können wir den BesucherInnen das All näher bringen: wir weichen dann auf Theorie aus oder arbeiten mit einem speziellen Computerprogramm, das die Astronomie den Besuchern näher bringt. Dieses Verknüpfen von Theorie und Praxis ist ein Plus der Sternwarte Bülach.

Wann und weshalb wurde die Sterwarte Bülach gegründet?

Die Idee entstand aus einen «Bubentraum» meiner Vorgänger, die schon seit Anfang dabei sind. Eine Gruppe von Hobbyastronomen besuchte vor mehr als zwanzig Jahren in Bülach einen Vortrag von Hans Rohr, einem Schaffhauser Astrologen. Danach entstand die Idee, das Hobby zu intensivieren und die Gruppe traf sich zu Beobachtungsabenden mit eigenen Teleskopen. Nach einiger Zeit wuchs  der Wunsch, eine Sternwarte zu bauen. Zur selben Zeit entstand die Kantonschule Zürcher Unterland in Bülach. Auch aus diesen Kreisen kam der Wunsch nach einer Sternwarte, und so entschied man sich für eine Zusammenarbeit. Dadurch konnte eine grössere Sternwarte, die auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist, errichtet werden.

Als erster Schritt wurde der Verein die «Astronomische Gruppe Bülach» gegründet, die heute «Astronomische Gesellschaft Zürcher Unterland» heisst. Dieser Verein betreibt die Sternwarte und organisiert Führungen. Als zweites wurde eine Stiftung gegründet, die finanzielle Trägerschaft der Sternwarte. Diese Trennung ist ein grosser Vorteil gegenüber anderen Sternwarten. Unsere Stiftung verwaltet das Geld und organisiert Spenden, damit auch grössere Anschaffungen getätigt werden können. Es ist wichtig zu wissen, dass das gespendete Geld wieder der Öffentlichkeit zu gute kommt. 1982 wurde mit dem Bau der Sternwarte Bülach im Eschenmos begonnen. Die Pläne übernahmen  wir von der Sternwarte Eschenberg in Winterthur. Ein Jahr später, am 22. September 1983, wurde die Sternwarte Bülach eröffnet.

Nach welchen Kriterien wurde der Standort für die neue Sternwarte ausgewählt?

Wir hatten nie die Absicht, eine wissenschaftliche Station für die Forschung zu bauen, sondern die einer Volkssternwarte. Unser Auftrag ist es, die Astronomie einer breiten Bevölkerung näher zu bringen. Dies hat wichtige Kriterien mit sich gebracht: der Standort sollte möglichst weit weg von Lichtquellen und gut zu erreichen sein. Der einzige kleine Nachteil hier ist, dass wir nicht am öffentlichen Verkehrsnetz angeschlossen sind.

Ist die Luft- und Lichtverschmutzung ein Problem?

Ein Problem, das in den letzten paar Jahrzehnten grösser wurde, ist tatsächlich die Lichtverschmutzung. Die Bautätigkeiten rund um die Sternwarte haben dazu geführt, dass der Nachthimmel heller wurde. Auch der Flughafen im Süden der Sternwarte führt dazu, dass wir hier im Eschenmos nicht mehr ungestört beobachten können. Wir versuchen die Gäste darauf aufmerksam zu machen, dass auch sie einen Beitrag dazu leisten können. Da der Himmel immer heller wird, wäre es möglich, dass die Milchstrasse in wenigen Jahren nur noch auf Fotos zu bewundern sein wird. Auch Zugvögel und andere Tiere leiden darunter, jährlich verenden hunderte von Tieren, da ihr Orientierungssinn gestört wird.

Gibt es bestimmte Personengruppen die sich für die Sternwarte interessieren?

Es interessieren sich Schüler, Familien und Vereine. Das Interesse gilt dem aktuellen Himmelszelt. Wenn die Besucher in der Zeitung lesen oder im TV hören, dass ein spezielles Ereignis am Himmel stattfindet, besuchen viele Leute die Sternwarte. Insgesamt gesehen ist die Besucherzahl abhängig vom Wetter, vom TV-Programm und vom Ereignis am Nachthimmel. Bei Grossanlässen wie dem erdnahen Kometen Hale Bopp, 1997, hatten wir an einem Abend 600 Personen, beim Venusdurchgang durch die Sonne am 8. Juni 2004 sogar 650 Besucher in der Sternwarte. Durchschnittlich haben wir pro Jahr 3500 bis 4000 Besucher.

Es ist sicher teuer eine Sternwarte zu betreiben, wie viel kostet es?

Die Kosten für den Bau wurden durch Spenden und Beiträge vom Kanton Zürich und der Stadt Bülach gedeckt. Die Infrastruktur wurde hauptsächlich von Privatpersonen finanziert. Wir konnten Teleskope auftreiben, die lange ungenutzt herumgestanden hatten. Das Zwillingsteleskop (850 mm) kostet 750’000 Franken und moderne Geräte, wie etwa ein Beamer für Vorführungen, übersteigt die 10’000 Franken-Grenze, dazu kommen jährliche Unterhaltskosten, die ebenfalls gedeckt werden müssen.

Was hat ihr Interesse für Astronomie geweckt?

Während der Primarschulzeit hatten wir Astronomie als Thema in den Schulstunden. Zudem schnitten mir meine Eltern viele Zeitungsartikel aus. Als ich das erste Mal die Sternwarte Bülach besuchte, war ich begeistert. Es hat mich gereizt, neue Ideen einzubringen, und so bin ich mit Wille und Einsatz zum Leiter der Sternwarte geworden.

Sie sind Leiter der Sternwarte, was sind ihre Aufgaben?

Meine Aufgabe ist es, die Sternwarte zu führen und das Team zu koordinieren, damit die Sternwarte problemlos funktioniert. Wenn sich eine Schulklasse anmeldet, muss jemand vor Ort sein, um sie durch die Räume zu führen. Ich bin auch für Presseinformationen zuständig und schreibe Artikel für verschiedene Zeitungen. Bei Grossanlässen arbeite ich mit den TV- und Zeitungsreportern zusammen, damit die Sternwarte Bülach in den Medien hin und wieder auftaucht.

Seit wann sind sie Leiter der Sternwarte?

Mein Vorgänger Gerald Hildebrandt war Gründungsmitglied und Leiter der Sternwarte seit der Eröffnung 1982. Nach 20 Jahren wollte er sein Amt abgeben. Da ich von Anfang an dabei war, kam es 2003 zum Generationenwechsel in der Sternwartenleitung.

Was ist für sie das Speziellste im Universum und haben sie schon Spezielle Entdeckungen im All gemacht?

Zu merken, wie klein unsere Erde im Weltall ist. Wenn wir ins All schauen, blicken wir in die tiefste Vergangenheit der Geschichte. Speziell finde ich auch dass sich die Galaxien verändern; wenn ich den Saturn betrachte, hat sich dieser während der letzten 20 Jahre schon sichtbar verändert. Natürlich ist es denkbar, dass die Sterwarte Bülach auch einmal einen Kometen entdeckt. Dafür müssten wir nächtelang beobachten, was wir nicht tun, da wir hauptsächlich für und mit der Öffentlichkeit arbeiten. Der Leiter der Sternwarte Eschenberg in Winterthur, Markus Griesser, hat schon zwei «Kleinplaneten» entdeckt, die er auch benennen durfte.

Haben sie ein Ziel, das sie erreichen möchten?

Ich träume von einem Flug ausserhalb der Erdatmosphäre. Dank der Sternwarte Bülach konnte ich schon viele Ziele verwirklichen. Eine Reise führte nach Afrika, um in Sambia eine Sonnenfinsternis mitzuerleben. Ein schönes Ereignis war es auch, den Venusdurchgang am 8. Juni 2004 der Öffentlichkeit zu zeigen. So ein Grossereignis wie dass, welches am 6. Dezember 1882 das letzte Mal stattfand, konnten nur wenige privilegierte Wissenschaftler beobachten. Nun können wir dies mit Hilfe der Sternwarte einer breiten Öffentlichkeit ermöglichen.

Wieso gibt es Sternschnuppen und warum bringen diese Glück?

Da die Erde auf ihrer Umlaufbahn durch Kometenstaubwolken fliegt, führen diese Mikropartikel beim Verglühen in der Erdatmosphäre zu Sternschnuppen. Dies kommt von einem alten Volksglauben her. Ich weiss nur, dass man den Wunsch nicht laut äussern darf. Versuchen Sie es doch einfach!

Wann wird es zur nächsten Sonnen- und Mondfinsternis kommen und wo kann man diese am besten beobachten?

Zur nächsten Sonnenfinsternis kommt es am Montag, dem 3. Oktober 2005. Am besten wird sie in Spanien zu sehen sein, der Höhepunkt wird um 11.00 Uhr erwartet. Beobachten sollte man sie nur mit  speziellen Brillen, die es in Optikgeschäften und Sternwarten zu kaufen gibt. Wenn man ungeschützt  mit dem Feldstecher in die Sonne schaut, kann dies zu Verletzungen des Auges führen! Da wir im Jahre 2004 eine Serie von vier Mondfinsternissen hatten, folgt die nächste totale Mondfinsternis erst in der Nacht vom 3. auf den 4. März 2007. Den Mond kann man gefahrlos mit einem Feldstecher beobachten.


Öffnungszeiten

Die Sternwarte Bülach hat jeden Donnertag im Sommer ab 21 Uhr, im Winter ab 20 Uhr geöffnet. Jeweils am ersten Sonntag im Monat wird die Sternwarte zur «Sonnenwarte»: bei guter Witterung findet von 14 bis 16 Uhr eine Sonnenführung statt. Für diese öffentlichen Führungen ist keine Anmeldung nötig. Von Montag bis Mittwoch und am Freitag kann die Sternwarte von Gruppen ab 15 bis 45 Personen gemietet werden.