Kultur | 17.04.2006

Kleinkunst im Quadrat

Text von Janosch Szabo
Ein Theater ohne Direktor: Pascal Gassmann, Eric R. Frutiger und Silvia Vassilev machen es vor. Zu dritt und absolut gleichberechtigt, leiten sie als engagiertes Team das Carré Noir, ein Kellertheater in der Bieler Altstadt, wo die Kleinkunst in ihrer ganzen Vielfalt lebt.
Ein starkes Trio: Pascal Gassmann, Silvia Vassilev und Eric R. Frutiger (von links) Eric R. Frutiger: „Wenn die Leute glücklich nach Hause gehen, ist das ein Aufsteller. Es ist der Lohn für das Ganze...-œ Silvia Vassilev: "...Es ist der Motor der uns am Laufen hält." Pascal Gassmann: "Die Künstler fühlen sich wohl hier."

Das Carré Noir, ein paar Stufen unter der Bieler Altstadt ist klein: Eine Bar, 60 Stühle, maximal, und eine Bühne. Die erste Reihe ganz nah. Doch die Welt der Kleinkunst, die dort drinnen lebt, ist gross: Theater, Gesang, Kabarett, Clownerie, Lesungen, Jazz, Chansons und vieles mehr. Ganz nach dem Motto: «Was drinnen Platz hat, soll drinnen stattfinden können«. Dieses interessante Kulturrezept bringt viel Abwechslung, stets Neues und damit auch neue Besucher. Die verschiedensten Leute gehen ein und aus. Grund dafür ist neben der Vielfalt der Künste auch das sehr umfangreiche Programm des überaktiven Kleintheaters. Rund 60 Produktionen und 100 Aufführungen werden pro Spielzeit gezeigt. Kein Wunder, dass sich da selbst die derzeit 178 treuen Mitglieder ihre Perlen gezielt herauspicken.

So sind denn manchmal nur eine handvoll Stühle besetzt, während ein ander mal das Carré Noir schier überrannt wird. Wie zuletzt anfangs Januar, als Nina Dimitri auftrat und selbst das ziemlich kurzfristig eingeplante Zusatzkonzert restlos ausverkauft war. «So ein Abend gibt Power für ein Zeitchen«, weiss Pascal und Eric ergänzt: «Davon reden wir noch in fünf Jahren«.

Kraft aus schönen Abenden

Auch mit kleinen Schritten kommt man weit: Eric, Silvia und Pascal beweisen es eindrücklich. Bald können sie nämlich den zehntausendsten Besucher begrüssen, der die steilen Stufen zum gemütlichen Kellertheater runtersteigt. Die Motivation der drei und ihr Engagement sind riesig. Jeder investiert wöchentlich 20 bis 30 Stunden seiner Freizeit ins Carré Noir. Freizeit, weil mit dem Theater kein Geld zu verdienen ist, weil sie dafür nebenbei noch arbeiten müssen. Einzig wenn das Carré Noir von Juni bis August zwischen den Spielzeiten die Tore schliesst, können Eric, Silvia und Pascal aufatmen und auch mal ein paar Abende bei sich zu Hause geniessen. Doch bald schon ist es wieder Zeit, das Theater in Schwung zu bringen und am neuen Programm zu feilen. Die restlichen neun Monate kommt das Privatleben oft viel zu kurz. Klar, dass es da mal Krisen gibt. «Ich war sicher schon sechs Mal am Punkt, wo ich gesagt habe: So jetzt höre ich auf, jetzt steige ich aus. Aber dann ist da dieser gewisse Stolz nach vier Jahren und die Frage: Wer kommt, wenn ich gehe?«, erzählt Eric und Pascal sagt: «Wenn es mir nicht gut geht, spüre ich sofort: Da sind noch die zwei anderen. Das ist schön, das ist ein Team.« Ein starkes Team, das zusammenhält und die Kraft für sein Schaffen aus den vielen schönen Abenden nimmt, die im Carré Noir über die Bühne gehen. «Wenn die Leute glücklich nach Hause gehen, ist das ein Aufsteller. Es ist der Lohn für das Ganze«, beginnt Eric und Silvia fährt fort: «Es ist der Motor, der uns am Laufen hält.«

Pasta und Früchte für die Künstler

Im Carré Noir wird man nicht reich: Das wissen die Künstler, denn eine fixe Gage gibt es nicht. Sie kommen auf Prozent, was bedeutet, dass ihnen in der Regel 70 Prozent der Einnahmen aus dem Kartenverkauf zustehen. So schwanken die Gagen je nach der Zuschauerzahl. Trotzdem garantiert das Carré Noir den Auftretende ein Minimum an Gage und lässt niemanden mit leeren Händen davonziehen.

Viele Künstler kommen immer wieder gerne. «Sie fühlen sich wohl hier«, sagt Pascal «Wir kochen ihnen Teigwaren, bereiten ihnen eine kalte Platte und stellen Früchte hin.« Die Künstler schätzen es auch, dass sie sich im Carré Noir voll und ganz auf ihren Auftritt konzentrieren können. Um Kasse, Bar und Publikum kümmern sich Pascal, Eric und Silvia. Letztere sagt dazu: «Das ist nicht selbstverständlich, wie wir aus eigener Erfahrung wissen.«

Die Sache mit den Finanzen

In Sachen Finanzen laufen auch die Betreiber stets auf hartem Stein. Löhne sind unmöglich zahlbar, denn die Fixkosten, sowie die Miete für den Keller und das Büro gleich darüber sind nicht niedrig. Der monatliche Kostenpunkt des Betriebs muss gedeckt werden, mit den Prozenten aus den Vorstellungen, Privatgeldern und Spenden. Doch fallen, was die Künstler betrifft, weitere Kosten an, für Werbung, Spesen und vereinzelte Fixgagen bei Künstlerinnen, wie Bea von Malchus beispielsweise. Die Stadt Biel gewährt dem Carré Noir dafür jährlich eine Defizitgarantie von maximal 20 000 Franken. «Das ist ein absolutes Minimum und nicht zu verwechseln mit Subventionen«, erklärt Pascal und Silvia erklärt: «Die Stadt hat die Kontrolle über den Einsatz der Gelder. Wir müssen jede Vorstellung, für die wir einen Beitrag beantragen, budgetieren und im Nachhinein die Abrechnung eingeben.«

Teil 2 des Portraits vom Carré Noir erscheint am 1. Mai 2006. Es geht darin um die Anfänge des Kleintheaters, schwierige Momente und Blicke in die Zukunft.

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