Gesellschaft | 20.04.2006

Japan zwischen Hightech und Tradition

Text von Marina Felder
Was wissen wir schon über Japan? Lasst uns mal überlegen... Sony? Toyota? Und die Japaner fotografieren alles: das Matterhorn, die Jungfrau und die Kappelbrücke. Ach ja, und da war ja noch die Atombombe, irgendwann vor sechzig Jahren. Aber Japan ist viel komplexer und komplizierter als Essen mit Stäbchen. Es ist eine eigene, unbekannte und tiefgründige Welt mit Platz für modernste Technologie wie auch für jahrhundertealte Traditionen.
Letztes, nicht zerstörtes Gebäude nach dem Atomangriff in Hiroshima. Mit dem Shinkansen-Express quer durch die Stadt und das Land. Modernste Technik - Flughafen auf dem Wasser. Der Rokuon-Ji-Tempel im Landesinnern von Japan.

Die Landmasse, die heute Japan oder Nippon genannt wird, erstreckt sich über vier Hauptinseln und mehrere kleine Inselchen. Fragt man die Japaner jedoch selber, so bezeichnen sie nur diese, vor ihrer Küste, als Inselchen. Der Rest ist Festland. Klimatisch verfügt das Land über fünf Jahreszeiten, die Regenzeit im Juni mit einberechnet. Nicht wenige der weltbekannstesten Snowboarder kommen aus dem Land der aufgehenden Sonne. Im Sommer ist es hingegen tropisch heiss und feucht.

Die täglichen Temperaturen von 35 Grad Celsius und Klimaanlage in den Häusern halten die Japaner davon ab, an die frische humide Luft zu gehen. Sollte es einmal unumgänglich sein, dann nur mit Fächer, Hut und Sonnenschirm. Das feuchtwarme Klima ist natürlich ein wahres Paradies für Moskitos. Im Gegensatz zu unseren europäischen Mücken sind die japanischen Minibeisserchen aber um einiges perfider und gerissener. Man hört, spürt und sieht sie kaum. Haben die Japaner, welche in dieser Hinsicht über ein erstaunliches Radarsystem zu verfügen scheinen, ein solches Biest geortet, dann kommt es schon mal vor, dass sie ihre heiligen Fächer zu mörderischen Zwecken missbrauchen.

Unbekannten Menschen gegenüber verhalten sich Japaner für unser gutschweizerisches Empfinden eher unfreundlich und respektlos. Sobald jedoch eine persönliche Beziehung besteht, kann traditionsgemäss kaum genügend Respekt voreinander bezeugt werden – nicht nur durch unaufhörliches Verbeugen, auch die Gesprächsfloskeln beweisen absolute Diskretion und gegenseitige Achtung. So muss man sich bei einer Teezeremonie unbedingt vor dem Ansetzten der Schale beim Nachbarn entschuldigen, dass man vor ihm Trinken wird. Genauso kompliziert wie die Höflichkeitsformen ist auch die Sprache.

Drei verschiedene Schriften

Mündlich erhascht man dank zahlreicher aus dem Englischen übernommener Begriffe noch bald einmal den Sinn einer Konversation. Schriftlich jedoch ist man als Tourist hoffnungslos verloren. Denn die japanische Schrift verfügt nicht über ein oder zwei Zeichensysteme, nein, es sind deren drei! Im 6. Jahrhundert wurde nämlich das chinesische Zeichensystem (kanji) übernommen. Da die beiden Sprachen aber ganz unterschiedlich funktionieren, musste eine eigene Silbenschrift entwickelt werden (Hiragana). Zum Festhalten von Fremdwörtern sowie in der Werbung und in der Gastronomie wird das dritte System, die abstraktere Katakana-Schrift verwendet.

A propos englische Sprache: kaum ein Japaner spricht Englisch, auch wenn sie es fast alle in der Schule gelernt hätten. Aber in diesem Punkt macht sich wohl die alte Samurai-Mentalität bemerkbar – man macht keine Fehler und sonst stösst man sich selber das Schwert in den Laib. Trotzdem ist Amerika allgegenwärtig: Fast-Food-Ketten, technische Hilfsmittel, Lifestyle. Nie würde man Vorwürfe oder Klagen betreffend Hiroshima zu hören bekommen, auch nicht während der Gedenktage zum Atombombenabwurf am 6. August vor sechzig Jahren.

Der Versuch, die Menschheit aufzurütteln

Das Land konzentriert sich nicht auf die Vergangenheit noch auf Vergeltung. Die Bewohner schauen vorwärts. Sie kämpfen dafür, dass sich eine humane Katastrophe wie damals nicht wiederholt. Sie versuchen, die Menschheit aufzurütteln. Die Atombombe über Hiroshima ist ein Erst-August-Raketli gegenüber den heute existierenden Waffen. Waffen, die mindestens sieben Regierungen auf dieser Welt jederzeit zur Verfügung stehen.

Japan ist faszinierend, tiefgründig. Und es besitzt die wunderbare Fühigkeit, Neues anzunehmen, der eigenen Tradition anzupassen und ihr einzuverleiben. Teenager, die tagsüber in T-shirt und Shorts, mit iPod und Radarwarngerät zu McDo fahren, besuchen abends in traditioneller Yukata (Sommerkimono), mit Fächer und Sonnenschirm Festivals zu Ehren einer buddhistischen oder shintoistischen Gottheit. Wer nicht in dieser Welt geboren wurde, wird sie wohl nie ganz verstehen lernen. Aber wer sich einmal in diese fremde Kultur geworfen hat, den lässt sie so schnell nicht wieder los.