Kultur | 30.04.2006

Go wild, Oscar

Text von Daniela Dambach
Am letzten Samstag durften die Diplomandinnen und Diplomanden 2006 des Instituts Mode und Design ihre Diplomkollektionen vor grossem Publikum auf dem Kaserneareal in Basel präsentieren. Man kann kaum glauben, welch künstlerische Atmosphäre sich hinter den kargen Gebäuden des Areals verbirgt. Als die Modeschau beginnt, sind sämtliche Reihen der Halle mit erwartungsvollen Zuschauern besetzt. Zwei grosse Leinwände ragen von der Decke hinunter. Mit eindrücklichem Lichtspiel und betörender Musik werden die Models bei ihrem Lauf begleitet.
Junge Mode in Basel. Kollektion "Go wild, Oscar".

Von kühler Eleganz bei der gemeinsamen Damenkollektion von Sabine Arnold und Celina Wüst, bis hin zum klassischen Herrenanzug verfeinert mit Wickel-Elementen bei Gilles Engesser, wird jeder Modegeschmack bedient. Das Programm wird durch kurze Filmsequenzen zum Thema “Körper und Kleid” garniert.

Das Publikum belohnt jeden Lauf mit tosendem Applaus, welcher sich beim Schlusslauf mit Models und Designern noch zu verstärken vermag. Was diese Modeschau auszeichnet, ist nicht zuletzt die perfekt auf die Mode abgestimmte Musik von DJs, die die Kleidung und die Show erst zum Leben erweckt und somit die Individualität jedes Looks unterstreicht. Wie Joop so schön zu sagen pflegte, haben die Zuschauer an dieser mitreissenden Modeschau ein Stück geschneiderten Zeitgeistzu sehen bekommen.

Ich treffe mich mit Sabine Heinold, einer der Diplomandinnen, zum Interview. Wir setzen uns im Verpflegungsraum auf dem Kasernenareal an einen Tisch. Während sie mir gegenüber sitzt, habe ich nahezu das Gefühl, ihre kreative Energie sei spürbar.

Zuerst einen Blick in die Vergangenheit: Wann hast du dich das erste Mal bewusst mit dem Thema Mode auseinander gesetzt und wann wurde dein Berufswunsch konkret?

Sabine Heinold: Das war zu Hause, als ich mich mit Näh- und Handarbeiten beschäftigt habe. Auch habe ich viel gebastelt. Bereits in der Schule wurde mein Berufsziel deutlich und ich habe deshalb den gestalterischen Vorkurs besucht.

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert, oftmals wird man vor derart brotloser Kunst gewarnt?

Das Umfeld hat durchwegs positiv reagiert. Ich wurde in meinem Vorhaben unterstützt mit der Begründung, wenn ich es wirklich machen wolle, sei es in Ordnung.

Nun zur Gegenwart: Warum hast du im Gegensatz zu deinen Mitschülern keine praktische Erfahrung im Ausland gesammelt, sondern in der Schweiz? War dies ein bewusster Entscheid?

Ja, in Anbetracht des zukünftigen Arbeitsortes habe ich mich bewusst dafür entschieden, mein Praktikum in der Schweiz zu absolvieren. Ich habe mich für die Bereiche Theater und Sportmode interessiert. Da man aber auch mit kurzfristigen Absagen rechnen muss, muss man sich rasch neu orientieren können. Dass es dann beim Sportlabel Black Diamond Equipment geklappt hat, war ein absoluter Glücksfall. Ich wurde optimal ins ganze Geschehen rund um Produktmanagement und Design einbezogen.

Du hast zusätzlich ein Praktikum als Kostümassistenz am Luzerner Theater absolviert. In deiner Kollektionsbeschreibung plädierst du dafür, das Leben als Maskenball zu feiern. Ist dies die Inspiration, die du aus den Erfahrungen als Kostümassistentin gezogen hast?

Nein, denn Kostümbild und Modedesign sind zwei verschiedene Bereiche, die man nicht miteinander vergleichen kann. Es hat viel mehr damit zu tun, dass ich mit meiner Mode Spiel und Spass vermitteln will. Man soll ausprobieren, mixen, wie es einem gerade gefällt, und überhaupt die Mode so ausleben, wie man will.

Nun zu deiner Diplomkollektion. Im Vergleich zu deinen Mitdiplomanden erscheint es eher unüblich, dass du als Frau eine Herrenkollektion kreiert hast. Wann wurde klar, dass du eine solche entwerfen wirst?

Ursprünglich habe ich eine Unisex-Kollektion gestaltet. Also Mode, die sowohl von Frauen als auch von Männern getragen werden konnte. Zum Schluss habe ich mich dennoch für eine Männerkollektion entschieden, denn ich habe Gefallen daran gefunden Herrenkleidung zu entwerfen. Meine Kreation definiert Männermode neu: Sie soll nicht nur funktionell sein, sondern auch Volumen haben. Das heisst, bisher waren es nur die Frauen, die die modisch weiten Ärmel in der Suppe getüncht haben. Meine Herrenkleider greifen diesen bisher weiblichen Kleidungsstil auf und werden voluminöser.

Ist deine Mode denn alltagstauglich, wer ist dein Zielpublikum?

Ich finde die Definition von alltagstauglich schwierig. Natürlich ist meine Mode nicht jedermanns Sache, sondern eher für den unbekümmerten Grossstädter gedacht. Die Einzelteile meiner Kollektion sind sicher alltagstauglich, weil sie dank der verschiedenen Materialien vielseitig kombinierbar sind und somit eine abgeschwächte Form meines Looks getragen werden kann.

Der Name deiner Kollektion lautet “Go wild, Oscar”. Wie und wann ist dieser Titel entstanden?

Der Titel der Kollektion entstand ganz zum Schluss. Meine Kollektion beinhaltet klassische Elemente, die allerdings durch Asymmetrie oder andere Details aus dem Rahmen fallen. Deshalb ist meine Kollektion an den englischen Dandy angelehnt, obwohl sie diesen nicht explizit verkörpern soll. Meine Kollektion ist nach dem Dichter Oscar Wilde, dem Vorreiter des typischen Dandy-Looks, benannt. Das kleine Wortspiel mit seinem Namen hat mir gefallen.

Inwiefern wird man von den anderen Diplomanden beeinflusst, vielleicht auch inspiriert? Gibt es einen gewissen Konkurrenzkampf?

Einen Konkurrenzkampf gibt es nicht, vielmehr kann man von gegenseitiger Unterstützung sprechen. Es wäre falsch, wenn man sich von den Mitschülern inspirieren lassen würde. Ich denke aber, dass dieses gute Verhältnis auch daher kommt, dass bei unserer Klasse jeder sein ganz eigenes Ding durchzieht und deshalb keiner mit dem anderen konkurrenziert. Es ist jedoch sehr hilfreich, Feedbacks von anderen zu bekommen, denn je länger man an einem Entwurf arbeitet, desto weniger sieht man die eigenen Schwachstellen und das Verbesserungspotential.

Was sollte sich deiner Meinung nach am Schweizer Modestil grundsätzlich ändern?

Die Schweizer sollten sich vermehrt zur Farbe bekennen. Man sollte einfach das tragen, wozu man Lust hat und sich keinem Modediktat unterwerfen. Grundsätzlich würde ich zu mehr Mut zur Farbe und zu weniger Buffalos aufrufen. (lacht)

Was fühlst du, wenn deine Mode auf dem Laufsteg präsentiert wird?

Wenn ich meine Kollektion auf dem Laufsteg sehe, muss ich jedes Mal lachen. Die Kleidung beginnt beim Tragen erst lebendig zu werden. Deshalb wirkt sie anders, lustig. Natürlich ist es ein gutes Gefühl, die eigene Mode auf dem Laufsteg zu sehen, nur nehme ich das Ganze auch mit Humor, denn Mode soll Spass machen. Es ist gut, wenn man über sich selbst lachen kann.

Zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft: Was wünschst du dir für die Zukunft, wo möchtest du arbeiten?

Das Thema Sportmode interessiert mich sehr, weil ich es auch mit meiner Freizeit in Verbindung bringe. Andererseits fasziniert mich das Theater wegen des vielfältigen Umfeldes und der interessanten Menschen. Und doch habe ich auch Lust an der Kreation von Männermode bekommen. Meine Zukunftspläne sind nicht konkret, ich bin offen für vieles.

Und schon huscht sie davon, um hinter der Bühne letzte Vorbereitungen für die Modeschau zu treffen.