Kultur | 26.04.2006

Fünf Tage mit grosser Kleinkunst

Text von Maya Künzler | Bilder von Willi Kracher
Vom 19. bis 23. April fand in Thun die Schweizer Künstlerbörse statt. Hunderte Kleinkunstbegeisterte und Kulturveranstalterinnen und -veranstalter kamen, um ihren Kulturhunger zu stillen, ihre Agenden zu füllen und die neusten Produktionen der Szene zu sehen.
An der Künstlerbörse macht auch Schafsinn Sinn. Die neusten Produktionen frisch serviert. Auch Trukitrek mit ihrer beliebten Jukebox waren in Thun dabei. Was da so alles rumläuft an der Frühlingssonne.
Bild: Willi Kracher

Über dem Schadausaal bei Thun kreisen Möwen, aus purer Lust am Flug, immer aber auch auf der Suche nach Futter. Im Foyer hängt der Himmel voller künstlicher Möwen: Es ist Schweizer Künstlerbörse-Zeit, wie jedes Jahr gegen Ende April. Aus dem ganzen Lande und dem Ausland sind KulturveranstalterInnen kleinerer und grösserer Bühnen angereist – die meisten in ehrenamtlicher Funktion, auf der Suche nach neuen Theater- und Tanzproduktionen. Sie wissen, dass sie hier, früher oder später, ihren Kulturhunger stillen und ihre Agenden mit Daten füllen können. Mindestens eben so viele KünstlerInnen aus dem grossen Segment der Kleinkunst – dieses Jahr haben sich 500 angemeldet –  tummeln sich auf dem Areal. Sie tauschen sich aus mit Programmmachern, mit Kolleginnen und schauen sich die Produktionen ihrer Konkurrenz an, wenn sie denn nicht selber auf der Bühne stehen.

Kleinkunst bis die Augen kullern

Von 350 Bewerbungen hat die Jury 60 Produktionen ausgewählt. Die werden in 20-minütigen Ausschnitten im grossen Schadausaal, unterm Zeltdach des Chapiteau und an weiteren Orten gezeigt. Jedesmal, wenn ein neues Showcase ansteht, bildet sich vor dem Eingang eine lange Schlange, und leichte Furcht macht sich breit, selbst würde man bei diesem Ansturm keinen Platz mehr finden. Doch der Schadausaal ist gross und birgt 700 Sitzplätze. Bei bestimmten Produktionen und Namen ist fast jeder Platz belegt, das Publikum honoriert die Auftritte freundlich wohlwollend, applaudiert aber auch einmal enthusiastisch, pfeift und schreit, wenn die Darbietung sehr gefallen hat. Die Abende warten mit besonderen Programmen auf, mit bekannten Namen von Preisträgern.

Fröhlich, buntes Treiben

Der Platz rund um den Schadausaal wird an den fünf Tagen zum Dorf in der Stadt. Zu einem quirlig bunten, lässigen Haufen, unter das sich auch normales Publikum aus der Umgebung mischt. Erst recht, wo die Sonne scheint, und die Grünflächen zwischen den einzelnen Plätzen sich mit Menschen bevölkern. Da wird gegessen, geplaudert und beobachtet. Aus dem Zelt tönt Musik herüber, eine mobile Puppenbühne unterhält skurril mit Playback-Theater. Eine Gruppe von Schauspielern bewegt sich auf Stelzen langbeinig gravitätisch und wie aus höheren Welten zwischen dem Pulk hindurch. Zwei Dienstmädchen stöckeln hin und her durch Halle und Wiese, kitzeln mit ihren Staubwedeln die Nacken der Zuschauer und verteilen ihre Geschäftskarte. Denn es ist Messe- und Börsenzeit, die Gunst der Stunde will genutzt sein.

Stand an Stand – werben und verhandeln

Über drei Etagen breiten sich im Gymnasium die Stände diverser Agenturen aus. Hier wird geworben und verhandelt. Eine Musicalsängerin, die zum ersten Mal nach Thun gekommen ist, hat in Eigenregie einen Standplatz gemietet, an dem Interessierte per CD-Rom Einblick in ihre Arbeit nehmen können. Am Ende ist noch kein Vertrag unterschrieben, doch es bestehen einige Angebote. Die Künstlerin ist nur eine unter vielen, die von diesem alljährlichen Treffpunkt profitiert. Es gibt Börsen-Habitués, die jedes Jahr wiederkommen, Kleinkunst-Freaks, die es wegen der familiären Atmosphäre nach Thun zieht, und weil hier die neuesten Trends der Kleinkunst-Szene greifbar in der Luft liegen.

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