Sport | 10.04.2006

Begeistertes Flachlandskifahren in Estland

Text von Naomi Richner
Estland, die Skination. Es ist klein, ungefähr so flach wie die Niederlanden, und der höchste Berg befindet sich gerade mal 318 m. ü .M. Da kann man sich schon fragen, warum sich die Esten so für "Suusatamine" (Skifahren) begeistern. Aber auf flachem Land kann man schliesslich auch Skifahren: Langlauf ist hier sozusagen Nationalsport.
Estnische Winterlandschaft Langlaufen in Estland Wer Olympia gewinnen will muss auch im Sommer trainieren.

Warme Sonnenstrahlen fallen zwischen die Birken des tief verschneiten Waldes. Einige Vögel pfeifen schon, Zeichen des nahenden Frühlings ‫ doch in Estland ist der Winter lang, und noch für einige Zeit lädt der glitzernde Schnee zu langen Langlauftouren durch die unberührte estnische Natur ein.

Die schönen Seiten des Winters werden auch wirklich voll ausgenutzt, und bei schönem Wetter trifft man im Wald viele Mitskiier an. Sogar in der Hauptstadt Tallinn gibt es in den Pärken Loipen, wo man sich auf sportliche Weise vom Grossstadtstress erholen kann ‫ auf dem Land hingegen kann man eigentlich überall langlaufen. Hier werden die Skier manchmal auch als eigentliches Fortbewegungsmittel genutzt, zum Beispiel für lange Schulwege.

Lieber nicht in der Schule

Wir in  «Rakvere Gümnaasiumâ€? kommen ums Langlaufen gar nicht herum. Von Januar bis März steht statt normalem Sportunterricht Skifahren auf dem Stundenplan. Donnerstags und Freitags haben wir jeweils nur sehr kurze Schultage, dafür hat man sich dann Nachmittags im Wald einzufinden, um unter dem Kommando der Sportlehrer Runden zu fahren. Schulskifahren ist allerdings unter Schülern nicht sonderlich beliebt ‫ nach einigen Skistunden verstehe ich auch warum:  ¾Zuerst fährt ihr dreimal um diese Baumgruppe, dann dreimal um jene, dann das ganze nochmals ohne Stöcke…â€?, und dann fahren also jeden Donnerstag und Freitag Horden von Schülern zwischen den Bäumen herum, so dass es schon mal zu Zusammenstössen und Unfällen kommt. Aber schliesslich muss man jung anfangen, wenn man später mal Olympiasieger werden will. Die meisten Jugendlichen gehen dann auch gern mal ausserhalb der Schulzeit Langlaufen, wenn man selbst entscheiden kann, wo und wie man fährt, macht es schon mehr Spass.

Internationale Erfolge

Und dass Trainieren sich auch wirklich lohnt, haben die diesjährigen Olympischen Spiele gezeigt: Die Langläuferin Kristina Å migun, aus der estnischen  ¾Winterhauptstadtâ€? Otepää, hat gleich zwei Goldmedallien für Estland gewonnen, was alle schon in grossen Stolz versetzt hat; am Fernsehen wurde es bisweilen sogar als  ¾historischer Momentâ€? betitelt. Als dann Andrus Veerpalu, ebenfalls estnischer Langläufer, auch noch einen Platz belegte, war die Freude unhaltbar. Schulstunden wurden abgesagt, damit alle die Rennen auf Grossbildschirm in der Aula sehen konnten, es wurde gelacht, geschrieen, gefeiert, so emotional wie sonst selten. Dies zeugt auch von der unglaublichen Liebe der Leute zu ihrem Land; wenn Esten international Erfolg haben, werden sie in der Heimat zu Helden. Die Heimkehr von  ¾Kiki und Andrusâ€? wurde dementsprechend auch gebühren gefeiert. Und man hörte oft:  ¾Wir sind so ein kleines Land, aber wir haben drei Goldmedallien!â€?

Langlaufen geht doch besser

So schön Langlaufen auch ist ‫ manchmal sehne ich mich doch nach einem Paar  «richtigenâ€? Skiern, mit denen man Hügel hinab rasen und so richtig schön schwingen kann. Vor einer Weile bot sich dann die Gelegenheit: Ende Februar gibt es den  «Vastlapäevâ€?, einen Tag an dem man traditionell schlitteln, Schneemänner bauen, oder eben Skifahren geht. Mit unserer Schulklasse unternahmen wir eine Exkursion ins nächste Dorf, wo sich ein (zugegebenermassen eher kleiner) Hügel befindet. Mitgenommen wurden Schneekleider, Schlitten, und ‫ ich traute meinen Augen kaum ‫ jemand hatte doch tatsächlich Bergskis dabei. Ich lieh sie mir aus, und fühlte mich beinahe wie in den Bergen, als ich oben am Hügel stand ‫ aber nach drei Sekunden unten angekommen war ich riesig enttäuscht. Und die Skier schienen plötzlich so schwer, auf flachem Land konnte ich mich damit überhaupt nicht fortbewegen und ich musste sie doch tatsächlich ausziehen und den Hügel wieder hinauftragen. In Estland sind mir Langlaufskier allemal lieber.