Politik | 29.03.2006

“Selber aktiv sein, statt nur zuhören”

Text von Andrea Immler
Der 18-jährige Michael Vogel hat Grosses vor: Er kandidiert für den bernischen Grossrat. Zusammen mit fünf Freunden hat der junge Bieler die Liste der Differenzierenden ins Leben gerufen. Jetzt bringen die Differenzierenden jungen und frischen Wind in den Wahlkampf um die Grossratssitze. Tink.ch sprach mit Michael Vogel über seine Chancen, das Interesse an der Politik und seine konkreten Ziele.
"Ich habe mich schon früh für Politik interessiert". Michael Vogel möchte "den Gesichtspunkt der Jugend einbringen". "Politik betrifft jeden": Der junge Bieler packt seine Chance.

Michael Vogel, du kandidierst für den Grossrat. Ist das eine aufregende Sache?

Für mich selbst weniger als für mein Umfeld. Dadurch, dass ich fast bei jeder Begegnung mit Bekannten auf die bevorstehenden Wahlen angesprochen werde, werden mir die Dimensionen meiner Kandidatur erst bewusst. Für mich selbst hält sich die Aufregung in Grenzen.

Der Wahlsonntag kommt immer näher. Rechnest du dir Chancen aus?

Das ist sehr schwierig zu sagen. Das hängt ganz von der Stimmbeteiligung ab. Ist sie niedrig, sind die Chancen intakt, ist sie hoch wird es sehr schwer. Es kann sein, dass ich 50 Stimmen mache, es kann aber auch sein, dass ich 1000 mache. Ich weiss es wirklich nicht, was mich an diesem Tag erwarten wird.

Die Chance, dass du tatsächlich gewählt wirst, besteht. Hast du dir das Szenario “Michael Vogel im Grossrat” schon mal vorgstellt?

Ich habe mich mit dem Gedanken, gewählt zu werden, noch nicht wirklich befasst. Darum kann ich nicht genau sagen was ich machen würde. Ich lasse mich einfach überraschen.

Traust du dir das denn überhaupt zu, im Grossrat zu politisieren?

Es wird sicher nicht einfach werden unter 160 Grossräten. Ich traue es mir aber schon zu. Viele Politiker gelten als kluge und intelligente Leute, doch darf man nicht vergessen: Auch sie kochen nur mit Wasser. Ich denke, ich kann andere Gesichtspunkte in die Politik einbringen, auch wenn ich noch nicht viel Erfahrung habe.

Welche Gesichtspunkte würdest du einbringen?

Den Gesichtspunkt der Jugend. Mit 18 Jahren schaut man Einiges anders an als mit 56. Ich hab das Gefühl, dass ich in diesem Punkt etwas bewirken könnte.

Was denn konkret? Was möchtest du in der Politik bewirken?  

In Sachen Wirtschaftspolitik möchte ich Grundlegendes ändern. Man sollte sich von bisherigen, meiner Meinung nach unüberlegten Fixierungen lösen.

Eine dieser Fixierungen ist das Wirtschaftswachstum unserer Volkswirtschaft. Unser Wirtschaftssystem basiert, wie ständig von den Politikern des gesamten Spektrums betont, auf dem Wachstum. Wächst die Wirtschaft jedoch um die geforderten 2 bis 3 Prozent pro Jahr, wäre unsere Volkswirtschaft in 50 Jahren viermal, in hundert Jahren gar sechzehnmal so gross. Dass in der Schweiz nicht viermal mehr konsumiert werden kann, und dass dies erst gar nicht erstrebenswert ist, zeigt die Kurzfristigkeit der Forderung nach Wachstum.

Es braucht demzufolge eine andere Denkweise und ein anderes Handeln. 

Woher rührt dein Interesse an der Politik?

Politik betrifft jeden. Jeder kann an einem Problem etwas verändern. Ich finde es gut, selber aktiv zu sein, anstatt nur zuzuhören was andere sagen. Ich habe mich schon sehr früh für Politik interessiert. Bei uns zu Hause wurde oft darüber diskutiert.

Jetzt kandidierst du auf der Liste der Differenzierenden. Wie ist sie entstanden?

Ich gehe in die Steinerschule in Ittigen und wollte mit einem Schulkollegen eine eigene Partei gründen und eine eigene Liste aufstellen.

Weil wir aber nicht im gleichen Wahlkreis wohnen ‫ er im Wahlkreis Bern, ich im Wahlkreis Seeland – konnten wir nicht zusammen kandidieren. Ich habe die Idee trotzdem weiterverfolgt und sie zum Thema meiner Abschlussarbeit gemacht. Ein Teil dieser Arbeit ist nun die Kandidatur.

Mit dir zusammen kandidieren noch fünf weitere junge Leute. Wer sind sie?

Das sind mein Bruder Johannes und vier Freunde aus Biel.

Ihr nennt euch die Differenzierenden. Warum?   

Weil wir uns von undifferenzierten Fixierungen der heutigen Politik lösen wollen. Zum Beispiel eben der andauernden Forderung nach Wachstum, oder aber dem unglobalen und engstirnigen Handlungsspielraum der Politik.

Warum bist du eigentlich nicht einfach einer Jungpartei beigetreten?

Ich wollte nicht einfach ein Parteiprogramm übernehmen, wie es bei den meisten Parteien bereits festgelegt ist. Die Grünen zum Beispiel haben ihre Vorgaben und alle Regionalparteien übernehmen diese. Mit den Vorgaben wäre ich einverstanden, aber ich habe ja noch viele andere Ideen, die ich in die Politik einbringen möchte.

Gibt es viele Jugendliche, die sich für Politik interessieren?

Nein, es gibt sehr wenige. Viele wissen gar nicht, was Politik bedeutet. Es ist natürlich ein komplexes Thema. Man kann nicht einfach die  ¾20 Minuten « lesen und meinen, man wisse dann über die Politik Bescheid. Man muss sich damit befassen und sich gut darüber informieren.

Wer sich aber nicht für alle Bereiche der Politik interessiert, kann sich auch nur über einen bestimmten Themenbereich ein Wissen erarbeiten und damit politisieren.

Die Grossratswahlen vom 9. April 2006 versprechen spannend zu werden. Dafür sorgt im Wahlkreis Biel auch die junge Liste der Differenzierenden (Liste 14). Es kandidieren: Michael Vogel, Johannes Vogel, Saskia Beck, Gabriel Hopf, Laurin Ritter und Simon Maurer.

Wird es Michael Vogel in den Grossrat schaffen?

Zur Information: Der bernische Grosse Rat ist das Parlament des Kantons Bern, ist die gesetzgebende Staatsgewalt. Der Regierungsrat hingegen, der am 9. April ebenfalls neu gewählt wird, führt die Gesetze aus. 

Das Gründen einer eigenen Liste ist eigentlich ganz einfach. Michael Vogel erklärt: “Vor einem Jahr ging ich zur Staatskanzlei. Sie ist das Organ, das die Wahlen organisiert. Ich bekam ein Formular, das ich ausfüllen und anschliessend mit 30 Unterschriften bestätigen lassen musste. Kandidaten durften natürlich auch nicht fehlen. Bis am 23. Januar 2006 musste ich die Unterschriften einreichen. Danach ging es darum, die Leute auf unsere Liste aufmerksam zu machen.” Dazu liessen Michael und seine Kollegen 50000 Flyer drucken. Teilweise wurden sie mit dem Wahlmaterial mitgeschickt, teilweise verteilten die Kandidierenden sie direkt an die Leute. Auch die Medien berichteten über Michael und die Differenzierenden.

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