Kultur | 28.03.2006

“Am Schreibtisch eigene Welten entwickeln”

Text von Andrea Immler
Lukas Hartmann ist einer der bekannstesten Autoren der Schweiz. Tink.ch sprach mit dem 62-jährigen Berner über das Schreiben, die Fantasie und seine Bücher.
Lukas Hartmann: bekannter Berner Autor. Hartmann schreibt für Kinder und Erwachsene.

Tink.ch: Lukas Hartmann, haben Sie ein Lieblingswort?

Lukas Hartmann: Ja, sogar mehrere. Es sind vor allem Blumen- und Vogelnamen. Stiefmütterchen zum Beispiel, Glockenblume und Buntspecht. 

Welche Bedeutung haben Wörter für Sie?

Wörter sind Bausteine der Sprache. Das Vertrackte an ihnen ist, dass sie nicht alle gleich gross und gleich bedeutsam sind. Es braucht sehr viel Arbeit, aus ihnen ein brauchbares Gebäude zusammenzusetzen.

Und Sie als Schriftsteller sind sozusagen der Baumeister. Wann haben Sie Ihre Freude am Schreiben entdeckt?

Schon mit zwölf Jahren war es mein grösster Wunsch, Schriftsteller zu werden. Doch wagte ich lange nicht, das laut zu sagen. Schon damals spürte ich wie spannend es ist am Schreibtisch eigene Welten zu entwickeln, sie aus eigenen Erfahrungen und den Eingebungen der Fantasie zusammenzumischen und danach zu erleben, wie die Leserinnen und Leser darauf reagieren.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie ein Buch schreiben?

Durchaus gemischte. Es kann auch zu Stockungen, zu Durststrecken kommen. Das ist unangenehm, aber unvermeidlich. Dafür sind dann die Durchbruchphasen, wenn es plötzlich weitergeht, umso schöner.

Kommt es vor, dass Sie eine Geschichte nicht zu Ende schreiben?

Klar. Ich glaube, sonst würde es mir an Selbstkritik mangeln. Ganze Manuskripte sind schon im Papierkorb gelandet.

Sie haben vorhin von der Fantasie gesprochen. Was bedeutet sie Ihnen?

Die Fantasie gehört zum Menschsein. Fantasien zu haben, in der Fantasie durch andere Länder zu schweifen, uns in andere Existenzen hineinzuversetzen, ist eine wunderbare Föhigkeit, die wir nicht verkümmern lassen dürfen. Die heutige Bilderflut führt leider dazu, dass Kinder oft gar keine eigenen inneren Bilder mehr erzeugen können. Ich sage ihnen beim Vorlesen jeweils: “Schaltet jetzt euer Kopfkino ein.” Meine Kinderbücher sind alle aufgrund freier Improvisationen entstanden. Ich griff jeweils Begriffe auf, die mir von Kindern zugespielt wurden, und erzählte gleichsam ins Blaue hinein. Dabei staunte ich immer wieder, dass die Geschichten wie von selbst eine Form annahmen. Hinterher bemerkte ich oft, dass ich – nur halb bewusst –  mit alten Märchenmotiven gespielt hatte.

Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Bücher?

Die Ideen, die Stoffe suchen mich ebenso, wie ich sie suche. Anders gesagt: Ich stosse auf sie, wenn ich innerlich bereit dafür bin. Dann horche ich auf, wenn mir jemand etwas erzählt, es klingelt sozusagen in mir, wenn ich eine Zeitungsnotiz lese, oder ich bleibe bei einer bestimmten Kindheitserinnerung hängen – und weiss: Daraus könnte mein nächstes Buch entstehen.

Über welche Themen schreiben Sie am meisten?

Ich interessiere mich immer wieder für Figuren, die in schwierige, ja extreme Situationen hineingeraten. Ich versuche herauszufinden unter welchen Voraussetzungen sie ihre Menschlichkeit bewahren. Das ist überhaupt eine meiner Grundfragen: Was braucht es damit wir “liebesfähiger” werden? Dann bewegt mich auch unser Verhältnis zum “Fremden”, das wir gerne und oft vorschnell ablehnen oder als Projektionsfläche für alles Unangenehme und Düstere missbrauchen. Das eine hängt für mich mit dem anderen zusammen.

Was möchten Sie Ihren Lesern vermitteln?

Meine Bücher sollen hartnäckig existenzielle Fragen stellen, auf die die Leserinnen und Leser ihre eigenen Antworten suchen können.

Was ist für Sie ein packendes Buch?

Mich packen Bücher, die ich gerne von Satz zu Satz lese. So simpel und so schwierig ist das. Ich lese weiter, wenn das Buch mich in Schwingung bringt, wenn es Bilder in meinem Kopf erzeugt, wenn die Figuren zu leben beginnen, wenn ich Vertrautes aber auch Neues darin entdecke.

Gibt es denn ein Rezept, wie man gute Bücher schreibt?

Rezepte gibt es nicht, aber handwerkliche Regeln, die Schriftsteller beachten sollten. Eine wichtige ist meiner Meinung nach: Blase deine Sätze nicht auf. Sage das, was du sagen willst, so einfach, so bildhaft und so genau wie möglich.

Welches ist Ihr Lieblingsbuch?

Unglaublich beeindruckt hat mich die Lektüre des grossen Romans von Leo Tolstoi, “Krieg und Frieden”. Ich könnte auch “Madame Bovary” von Gustave Flaubert nennen oder “Der grüne Heinrich” von Gottfried Keller.

Und von Ihren eigenen Büchern, haben Sie da eines besonders lieb?  

Mir ist eigentlich immer das Buch am liebsten, das ich zuletzt geschrieben habe, wohl deshalb, weil es mir noch am nächsten steht.

Schreiben Sie zurzeit an einem Buch?

Ich schreibe eigentlich immer an einem. Gegenwärtig entsteht ein Roman für Erwachsene über den 5. März 1798. Das ist das dramatischste Datum der Schweizer Geschichte. Der Arbeitstitel lautet: “Die letzte Nacht der alten Zeit”.

Was machen Sie neben dem Schreiben sonst noch gerne?

Ich koche sehr gerne, erledige einen grossen Teil des Haushalts, gärtnere, wandere, spiele Geige und Klavier, zeichne manchmal und lese viel.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Wenn ich das wüsste. Ich lasse mich überraschen.

Lukas Hartmann gehört zu den bekanntesten Buchautoren der Schweiz. Geboren wurde er 1944 in Bern. Heute wohnt der 62-Jährige mit seiner Frau Simonetta Sommaruga am Hang des Berner Hausbergs Gurten.

Bis heute hat der Schriftsteller fünfzehn Bücher für Erwachsene und zwölf Bücher für Kinder verfasst.

Schon als Kind begleitete Lukas Hartmann die Märchenwelt, als er sich auf dem Weg zu seinem Grossvater im Wald fürchtete, plötzlich auf ein Hexenhaus zu stossen. Sein Grossvater hatte einen Bauernhof. Lukas liebte es, ihm zu helfen. Doch dann verkaufte der Grossvater den Hof. Für den kleinen Jungen war das ein schreckliches Ereignis. Von diesem Tag an waren Bücher seine Zuflucht. In ihnen entdeckte er abenteuerliche Welten. 

In der sechsten Klasse fing Lukas an heimlich eine Geschichte in sein Schulheft zu schreiben. Sie handelte von einem Schiffsuntergang und einem Passagier, der sich auf eine Insel rettete. Von Tag zu Tag wurde sein Wunsch, Schriftsteller zu werden, stärker. Doch eine Ausbildung für diesen Beruf gab es nicht. Man musste fähig sein von der harten Kritik zu lernen und sich viel Wichtiges selbst beizubringen.

Seine Eltern wollten aber, dass er erst etwas Solides lerne. So wurde Lukas Hartmann Lehrer. In den kommenden Jahren absolvierte er weitere Ausbildungen, studierte Psychologie, arbeitete während sieben Jahren beim Radio als Sendungsgestalter und Moderator, schrieb Hörspiele und Drehbücher fürs Fernsehen. Das Schreiben aber hat er in all den Jahren nie aufgegeben. Und dann, als er fast dreissig war, stiess Hartmann plötzlich auf einen Verlag, dem seine Bücher gefielen. Von diesem Moment an schrieb er abwechslungsweise Bücher für Erwachsene, und für Kinder. Zu seiner Verwunderung stellte er eines Tages fest, dass er nun vom Schreiben leben konnte. Seither lebt Lukas Hartmann als freier Schriftsteller und freut sich, dass er seinen Traum in Wirklichkeit umsetzen konnte, seinen Traum, dem er bis heute treu geblieben ist. Ein Leben ohne Bücher kann er sich zwar vorstellen, aber “es wäre ein ärmeres Leben”, wie er selber sagt.

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